Ein Firmenvertreter meinte zu mir in Berlin, aus Matter sei „wohl etwas die Luft raus“. Dieser Eindruck konnte entstehen, wenn man auf die Traditionsmarken der IFA schaute. Bosch-Hausgeräte – 2025 noch stolzer Verfechter des Matter-fähigen Kühlschranks – thematisierte den Standard in diesem Jahr so gut wie gar nicht. Und Bosch Smart Home präsentierte auf der Messe neue Services-Abos statt der noch ausstehenden [+M]-Versionen von Rauchmelder, Wandthermostat & Co.

LG hat offenbar keine Pläne, seinen Matter-fähigen Thinq ON Hub von der letzten IFA auch außerhalb Koreas einzuführen. Den Aufbau eines herstellerübergreifenden Ökosystems überlässt man international der niederländischen Tochter Athom und ihrer Homey-Plattform (link).
Samsung ist den Messehallen gleich ganz fern geblieben und präsentierte seine Produkte einem Fachpublikum in der Innenstadt. Dabei standen erwartungsgemäß KI-Funktionen im Mittelpunkt. Die hauseigene SmartThings-Plattform findet nur noch als Feature Erwähnung – obwohl Samsung die Umsetzung von Matter weiter vorantreibt. Die Hubs des Ökosystems gehören regelmäßig zu den ersten, die neue Versionen des herstellerübergreifenden Standards unterstützen.
Matter over Thread: Die Welle rollt
Wendet man den Blick von den großen Konzernen weg und hin zu den Smarthome-Spezialisten, ergibt sich ein anderes Bild. Signify, das Unternehmen hinter Philips Hue (link), zündete zur IFA ein Produktfeuerwerk: rund zwei Dutzend neue Leuchten, LED-Streifen und Lichterketten, darunter schlauchförmige („Liane“), geradlinige („Signe“) oder netzartige Designs („Festavia“). Und alle sind mit dem neuen Funkchip von Silicon Labs ausgestattet.

Bedeutet: Die Hue-Neuheiten beherrschen neben Zigbee auch das Funkprotokoll Thread. Man kann sie konventionell via Bridge in Matter-Systeme einbinden – dann stehen alle Funktionen des Hue-Systems wie graduelle Farbverläufe zur Verfügung – oder auf direktem Weg per Matter over Thread. Die Multiprotokoll-Fähigkeit wird Standard in stromgebundenen Produkten des Herstellers, hat mir George Yianni, Technischer Direktor für Philips Hue bei Signify erklärt.

Tado (link) stellte pünktlich zur Messe eine Neuauflage seines Smarten Thermostats X vor. Wie der Vorgänger arbeitet auch die zweite Generation mit Matter over Thread. Aqara (link) hatte neue Leuchten und Leuchtmittel im Gepäck: Von der stabförmigen Stehlampe T1 über die Downlights T2 bis zu den Outdoor-String-Lights H1 unterstützen alle das Thread-Protokoll. Gleiches gilt für das neue Smart Lock U250 des Herstellers, einen zylinderförmigen Türschlossantrieb, der an das silberne Nuki Pro erinnert, den Aliro-Standard unterstützt und mit Keypad geliefert wird.

Auch Govee (link), Yeelight (link) und ThirdReality (link) haben ihr Thread-Portfolio erweitert. Letztere sogar in eine neue Produktkategorie: Der erste Matter-fähige Bodenfeuchte-Sensor von ThirdReality soll Anfang 2027 auf den Markt kommen. Heiman (link) präsentierte unter anderem einen Temperatur- und Feuchtesensor mit NFC-Chip für Near Field Communication. Wie in Matter 1.6 vorgesehen, lässt er sich durch Antippen mit einem NFC-fähigen Smartphone in Betrieb nehmen.

Neue Matter-over-Thread-Produkte gab es außerdem bei Sonoff (link) zu sehen, darunter Smart Lock, Bewegungsmelder und Öffnungskontakt. Sensero präsentierte seine auf der CES vorgestellten Airo-Luftsensoren mit Thread Border Router. Das modulare Set kann mittlerweile vorbestellt werden (link). Geplante Auslieferung: viertes Quartal 2026. Der Jury des „IFA Innovation Award“ war das Produkt eine Auszeichnung wert – eine von vielen Urkunden, die an chinesische Firmen gingen (link).

Den europäischen Leuchtturm in der asiatisch dominierten Halle 1.2 bildete Shelly (link) mit seinem hoch aufragenden Stand. Das bulgarische Unternehmen war lange skeptisch, wenn es um Thread ging. Der Sinneswandel hatte sich jedoch schon angekündigt. In Berlin hieß es nun offiziell: Produkte der 4. Generation bekommen ein Firmware-Update, mit dem Anwender die Geräte von WLAN auf Thread-Funk umschalten können. Weil dabei nicht nur Matter, sondern der gesamte TCP/IP-Datenverkehr über das Mesh-Protokoll abgewickelt wird, sollen Herstellerfunktionen wie die Shelly-Cloud und die Shelly-API erhalten bleiben. „ThreadLink“ nennen die Bulgaren ihre Lösung.

Der Rollout des kostenlosen Updates beginnt noch dieses Jahr. Zu den ersten Produkten, die davon profitieren werden, gehören die Mehrfach-Steckdosenleiste PowerStrip 4 Gen4 und Bestseller wie der Shelly 1/1PM Gen4. Ein Update-Zwang besteht übrigens nicht: Die Firmware wird als separate, optional installierbare Lösung angeboten. „Kunden entscheiden pro Gerät, ob sie die Standard-WLAN-Firmware oder ThreadLink nutzen möchten“, erklärt der Hersteller.
Und wie um das Bekenntnis für Matter noch weiter zu verstärken, kündigte das Unternehmen ein zweites Update an: Die Wanddisplays von Shelly (X1i, X2i, XL, U1, S1, S2 und XT) erhalten ebenfalls eine Firmware, die sie Matter-kompatibel macht. Damit eignen sie sich als Matter Controller, der andere Geräte im herstellerübergreifenden Standard einrichten und steuern kann. Ihr integrierter Raumthermostat behält seine Funktion. Er lässt sich bei Bedarf als Matter-Endgerät in andere Ökosysteme wie Apple Home oder Home Assistant integrieren und von dort bedienen.
China als Technologie-Treiber
Wenn es bis hierher noch nicht aufgefallen sein sollte: In diesem Text ist auffällig oft von Anbietern aus China die Rede. Was nicht zuletzt damit zu tun hat, dass große Bereiche der Konsumelektronik in chinesischer Hand sind. Wo einst Marken wie Loewe, Grundig oder Sony ganze IFA-Hallen belegten, haben Dreame, Haier, Midea, Xiaomi & Co. die Flächen auf der Messe übernommen. Selbst TV-Fabrikate, die Europäern vertraut erscheinen (Metz, Panasonic, Philips, Sharp) gehören mittlerweile einem Unternehmen aus dem Reich der Mitte.

Dabei fällt auf, dass diese Firmen zunehmend Trends setzen. Beispiel: Midea PortaSplit (link). Die Bestseller-Klimaanlage des Hitzesommers 2026 wurde zwar in Deutschland entwickelt, kommt aber von einem chinesischen Konzern. Sie wird nächstes Jahr in einer neuen Version erscheinen, die den Matter-Standard unterstützt. Die weltweit erste Matter-zertifizierte Kamera hat Aqara auf den Markt gebracht. Ein Outdoor-Modell mit Solarzellen und einer Basisstation (G510/M410), die gleichzeitig als Matter Bridge dient, soll 2027 folgen. TP-Link (link) kündigte gleich drei Kamera-Modelle an: eine Neuauflage seiner Tapo C260, die Tapo C560WS und die Tapo C660 KIT.

Dreo (link), laut eigener Aussage der Spezialist für Luftmanagement, will seine Ventilatoren und Luftreiniger Matter-fähig machen. Welche der zahllosen Saugroboter von Anker, Dreame, Ecovacs, Narwal, Roborock oder Switchbot bereits kompatibel sind, war auf der Messe nicht so richtig auszumachen. Die Informationspolitik der Anbieter lässt hier zu wünschen übrig. Mir ist allerdings nur eine europäische Saugroboter-Marke bekannt, die den Standard unterstützt: Bosch mit seiner Baureihe Spotless.

So waren es vor allem chinesische Firmen, die Matter ins Rampenlicht rückten. Etwa mit einem speziellen Emblem, das Aussteller an ihre Produkte klebten. Darauf stand: „IFA Matter Ambassador“ – Botschafter des Standards. Und wenn in den kommenden Jahren KI-gesteuerte Smarthome-Systeme die Haushalte erobern, möchten Firmen aus der Volksrepublik ganz vorn mitspielen. Das zeigen Neuheiten wie der HomeAgent von Ugreen – ebenfalls mit Matter-Controller. Anker empfiehlt seine MindBase für ähnliche Aufgaben: Ein leistungsfähiger Heimspeicher katalogisiert Videoaufnahmen, steuert Hausgeräte über Matter und organisiert den Energiehaushalt. Lokale KI – so das Versprechen – macht Nutzer unabhängig von Cloud-Servern und teuren Abonnements.

Hinzu kommt: Die Kombination aus hohem Innovationstempo und offenem (Matter-)Standard erleichtert neuen Anbietern den Markteintritt. Wer bereits vernetzte Produkte verkauft – oft mit eigener, proprietärer Technik –, muss sie gegen die Herausforderer verteidigen. So sind etwa Leuchten mit drahtloser Dimmfunktion nichts Besonderes mehr, wenn immer mehr Modelle auf den Markt drängen, die Matter serienmäßig integriert haben.
Ähnliches gilt für Thermostate, Schalter oder Steckdosen. Denn auch in der klassischen Elektroinstallation laufen sich chinesische Firmen langsam warm. Das zeigten in Berlin die Stände von Aqara und Sonoff, an denen Lösungen zum Einbau im Verteilerkasten auf der Hutschine präsentiert wurden. So mag bei einigen Herstellern die Luft aus Matter gerade raus sein. Dafür weht an anderer Stelle ein neuer Wind – und der kommt unverkennbar aus dem Osten.

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