Matter 1.6: gemeinsame Fabrics und smartere Thermostate

Die Connectivity Standards Alliance (CSA) hat Matter 1.6 veröffentlicht (link). Anders als frühere Versionssprünge – etwa Matter 1.5 mit Kameras – enthalten die neuen Spezifikationen keine zusätzlichen Geräteklassen. Sie widmen sich dem Einsatz von Matter in der Praxis und führen einige Verbesserungen ein. Die größte strukturelle Neuerung ist dabei die Einführung von Joint Fabric, einer Funktion zur Verwaltung von Geräten über mehrere Ökosysteme hinweg. Sie soll Einschränkungen beseitigen, die der Multi-Admin-Betrieb unter Matter derzeit mit sich bringt.

Joint Fabric: gemeinsame Verwaltung von Geräten

Bislang funktioniert Multi-Admin so, dass ein Gerät einem fremden Ökosystem Zugriff gewährt – die Geräte bleiben aber technisch in getrennten logischen Netzwerken organisiert – den sogenannten Matter Fabrics. Das ändert sich mit Joint Fabric: Mehrere vom Nutzer autorisierte Matter Controller verwalten künftig einen einzigen, gemeinsamen Datenpool. Jedes Gerät, das in dieses Joint Fabric aufgenommen wird, ist automatisch für alle beteiligten Controller sichtbar und steuerbar. Administratoren lassen sich unabhängig von den Geräten hinzufügen oder entfernen, und die Teilnahme zählt auf jedem Gerät nur als einzelnes Fabric.

Das schont die Speicherkapazitäten der Hardware. Denn: Laut Matter-Spezifikation müssen zertifizierte Geräte zwar mindestens fünf Fabrics gleichzeitig unterstützen, diese Grenze wird im Multi-Admin-Betrieb aber schnell erreicht, besonders wenn Apple Home im Spiel ist. Apple synchronisiert sein Matter-Zubehör über die iCloud-Keychain, wofür ein zweites, separates Fabric angelegt wird. Damit belegt Apple Home gleich zwei der fünf verfügbaren Plätze – das freie Kontingent für den parallelen Einsatz von Google Home, Alexa oder Home Assistant wird knapper.

Fabric-Übersicht aus Home Assistant mit den beiden Einträgen von Apple. Bild: matter-smarthome

Die CSA zielt damit auf Szenarien, die bislang technisch umständlich waren: Übergaben in Neubauten, Haushalte mit mehreren parallel genutzten Plattformen oder professionell verwaltete Immobilien, in denen Hausverwaltung, Mieter und Dienstleister gleichzeitig einen Zugriff benötigen. Aus Nutzerperspektive verspricht das Konzept, dass ein Gerät in jedem beliebigen Ökosystem auftaucht, ohne dass man es dort separat einrichten muss.

Technisch geht diese Lösung noch einen Schritt weiter als Enhanced Multi-Admin, das bereits 2024 mit Matter 1.4 angekündigt wurde. Beide Funktionen sollen dasselbe Grundproblem lösen: ein Matter-Gerät nutzbar zu machen, ohne es in jedem Ökosystem neu einrichten zu müssen. Enhanced Multi-Admin erreicht dies auf dem Wege der Synchronisation (Fabric Sync). Die Fabrics können sich – mit einmaliger Nutzerfreigabe – gegenseitig über Geräte informieren und diese automatisch der jeweils anderen Plattform zur Verfügung stellen. Die Fabrics bleiben dabei aber technisch getrennt, jedes Ökosystem beansprucht eigenen Speicherplatz auf dem Gerät.

Joint Fabric geht einen architektonisch anderen Weg, den die CSA als „neuen und eigenständigen Ansatz“ bezeichnet, „der sich grundlegend von den bisherigen Methoden unterscheidet“. Wie schnell es den Weg in die Praxis findet, muss sich zeigen. Um Enhanced Multi-Admin wurde es nach der Ankündigung im November 2024 sehr still. Bis heute gibt es kein Matter-Ökosystem, das sein Fabric mit anderen synchronisiert. Dem Joint Fabric ist hoffentlich mehr Erfolg beschieden.

Thermostat Suggestions: Empfehlungen statt Befehle

Eine weitere Neuerung betrifft die Heizungsregelung. In Matter läuft es bislang so: Die Plattformen senden Befehle an ihre Thermostate, die dann stur ausgeführt werden. Mit Thermostat Suggestions führt Matter 1.6 einen neuen, zeitlich begrenzten Vorschlagsmechanismus ein, der an Voreinstellungen des Reglers gekoppelt ist. Das Gerät entscheidet selbst – abhängig von Nutzerpräferenzen und aktuellem Kontext –, ob es dieser Empfehlung folgt.

Für ein Energie-Management im Haushalt sind solche Mechanismen hilfreich. Auch dynamische Stromtarife oder Demand-Response-Programme der Energieversorger verlangen Flexibilität in der Steuerung (siehe dazu: „Wenn man Kunden die Elektromobilität vermiesen will, drosselt man ihren Lader“). Die Vorgaben der Heizungsregelung stehen dabei eventuell im Widerspruch zu ökonomischen Rahmenbedingungen. Oder Einstellungen, die manuell getroffen wurden, hebt der kurz danach eintreffende Befehl eines Ökosystems wieder auf.

Infografik: Hourly-Tarif mit Strompreisen von Tado
In einem dynamischen Stromtarif kann der Kilowattpreis über den Tag hinweg stark schwanken. Bild: Tado

Mit Thermostat Suggestions soll der Regler erkennen können, wenn ein Auftrag wahrscheinlich nicht der Absicht des Nutzers entspricht, und dessen Ausführung verschieben. Wie intelligent das Gerät am Ende dabei vorgeht, hängt aber von der Implementierung der Hersteller ab – die Spezifikation definiert nur den Rahmen, nicht die eigentliche Entscheidungslogik.

NFC-basierte Inbetriebnahme – auch ohne Strom

Weniger spektakulär, aber alltagsrelevant ist die dritte zentrale Neuerung: Matter 1.6 erlaubt eine vollständige Inbetriebnahme von Geräten mithilfe des Kurzstreckenfunks NFC (Near Field Communication) – ganz ohne Bluetooth. Bereits mit Matter 1.4.1 hatte die CSA sogenannte NFC-Onboarding-Payloads eingeführt, mit denen die Einrichtungsdaten auf einem NFC-Tag hinterlegt sein konnten. Das eigentliche Koppeln lief aber weiterhin über Bluetooth Low Energy (BLE). Mit 1.6 kann nun der komplette Kommissionierungs-Austausch per NFC erfolgen.

Praktisch bedeutet das: Eine Lampe lässt sich einrichten, ehe sie in die Fassung kommt, ein Unterputzschalter, bevor überhaupt eine Netzspannung anliegt. In größeren Installationen können mehrere Geräte vorab provisioniert und erst am Einsatzort aktiviert werden. Für Endnutzer reduziert sich der Vorgang auf einen Handgriff: das Smartphone in unmittelbare Nähe zum Gerät zu bringen.

Gerade bei fest installierten Produkten wie Deckenleuchten oder Unterputz-Aktoren, deren spätere Einbaulage den Einsatz der Smartphone-Kamera erschwert, ist dies hilfreich. Denn mit NFC-fähigen Matter-Produkten muss zur Inbetriebnahme kein QR-Code mehr abgescannt werden. Und der im NFC-Chip gespeicherte Code kann auch nicht verloren gehen.

Weitere Neuerungen im Überblick

Neben den Schwerpunktthemen bringt Matter 1.6 noch weitere Ergänzungen:

  • Kommunikation von Gerätefähigkeiten und -grenzen: Geräte können ihre Funktionen und Beschränkungen standardisiert melden, was Controllern eine genauere Darstellung über Ökosystem-Grenzen hinweg ermöglicht.
  • Ereignisverlauf bei Sicherheitssensoren: Sensoren können interoperabel sowohl Echtzeitstatus als auch vergangene Ereignisse offenlegen – für eine lückenlose Dokumentation der Ereignisse.
  • Demontage-Status für Rauch- und CO-Melder: Melder zeigen künftig an, wenn sie von ihrer Einbauposition entfernt wurden – ein Hinweis auf mögliche Funktionsausfälle.
  • Partitionierte Zertifikatssperrlisten (CRL): Aufbauend auf der CRL-Unterstützung von Matter 1.4.2 lassen sich Informationen zur Sperrung von Geräten in kleineren, unabhängigen Partitionen verwalten. Das macht die Sicherheitsinfrastruktur von Matter besser verwaltbar als mit einem einzigen Datensatz – auch im Hinblick auf eine wachsende Zahl zertifizierter Geräte.

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