„Wenn man Kunden die Elektromobilität vermiesen will, drosselt man ihren Lader“

Ein Interview mit Rolf Bienert, Geschäftsführer und Technischer Direktor der OpenADR Alliance (link). Die internationale Organisation hat unlängst eine Kooperation mit der Connectivity Standards Alliance (CSA) vereinbart. Beide Allianzen möchten ihre Standards zusammenbringen, um die Auslastung von Energienetzen zu verbessern und ein intelligentes Verbrauchsmanagement zu ermöglichen. Welche Rolle dabei Matter spielt, erklärt Bienert im Gespräch.

The interview was conducted in German.
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Herr Bienert, was ist die OpenADR Alliance und was tut sie?

Rolf Bienert: Die OpenADR Alliance ist – ähnlich wie die CSA – eine Standardisierungsallianz, eine Non-Profit-Organisation mit Sitz in Kalifornien. Sie kümmert sich um Lösungen für die Demand Response, also die flexible Laststeuerung in Energienetzen. Über den OpenADR-Standard können Energieversorger und Kunden automatisiert Informationen austauschen, etwa zu Strompreisen. Durch Verschiebung des Verbrauchs in Zeiten mit niedriger Netzauslastung lassen sich Kosten sparen und Energieflüsse gleichmäßiger verteilen.

Die Ursprünge gehen auf eine kalifornische Energiekrise Anfang der 2000er-Jahre zurück, als es zu rotierenden Blackouts an der Westküste kam. Damals musste noch jemand zum Telefon greifen und große Verbraucher anrufen, wenn die Energie knapp wurde. Mit OpenADR (Open Automated Demand Response) fließen die Informationen automatisch. Die aktuelle Version OpenADR 3 ist einfach zu implementieren und ein wichtiger Baustein für Smart Grids – weil private Solaranlagen, Batteriespeicher, Wärmepumpen und E-Autos zu immer wichtigeren Akteuren im Energiesystem werden.

Wo kommt der OpenADR-Standard bereits zum Einsatz?

Bienert: Etwa 50 Prozent der digitalen Zähler oder Stromkunden in den USA sind an Versorger angeschlossen, die OpenADR verwenden, hauptsächlich in Kalifornien, Oregon, Washington, Colorado und an der Ostküste. Das bedeutet nicht, dass schon 50 Prozent der Bevölkerung an Flexibilitätsprogrammen teilnehmen, aber die Infrastruktur ist da. Nach Mitgliedschaften und zertifizierten Produkten gerechnet ist Japan wohl das zweitwichtigste Land. Dort wurde nach Fukushima sehr schnell an einer Flexibilisierung des Stromnetzes gearbeitet. Südkorea und Neuseeland nutzen den Standard, China hat eine eigene, angepasste Variante entwickelt.

„Europa hinkt hinterher … Flexibilität im Markt gibt es bereits, aber nicht so sehr auf Kundenseite.“

Europa hinkt etwas hinterher. Mein Eindruck war lange, dass Energieversorger hier davor zurückschreckten, direkt mit ihren Kunden zu interagieren. Flexibilität im Markt gibt es bereits, aber nicht so sehr auf Kundenseite. Mittlerweile hat E.ON in Schweden einen OpenADR-3-Server laufen. Großbritannien richtet sich regulatorisch wie auf Versorgerseite darauf aus. Die Niederlande treiben das Thema voran, Österreich testet derzeit ebenfalls den Einsatz von OpenADR 3. In Deutschland experimentierten Vattenfall, Stromnetz Hamburg und andere schon 2019 damit, offenbar erfolgreich. Bislang gibt es aber keine kundenorientierten Programme.

Dabei schreibt § 14a des deutschen Energiewirtschaftsgesetzes eine netzdienliche Steuerung vor: Versorger müssen größere Verbraucher bei Bedarf drosseln können.

Bienert: Ich bin kein Experte für deutsches Recht, und für Notfälle ist das sicher hilfreich. Aber auf Dauer kann es keine Lösung sein, die Wärmepumpe oder den EV-Lader einfach hart abzuregeln. OpenADR ist verbraucherorientiert gedacht: Der Kunde soll Informationen erhalten und dann selbst entscheiden. Nicht im Sinne manueller Eingriffe, sondern über ein Automatisierungssystem wie Apple Home oder Matter. Das System setzt die gewünschte Strategie mithilfe der Daten vom Energieversorger um. Das ist unsere Vision.

Konkurriert OpenADR dabei nicht mit anderen Standards wie OCPP, EEBUS & Co.?

Bienert: Die Lösungen ergänzen sich. Wir sind Zubringer der Information, vor Ort übernehmen dann andere Systeme. Bei kommerziellen Gebäuden kann das etwa BACnet sein, im privaten Umfeld Matter. An öffentlichen EV-Ladestationen hängt fast immer OCPP dahinter, weil damit auch Dinge wie Kundenkonten oder die Kreditkartenzahlung abgebildet werden. Für uns spielt das keine Rolle, weil wir Geräte ohnehin nicht gerne direkt ansprechen.

Konkurrenz gibt es eher auf Seiten der Energieversorgersysteme, etwa bei IEC-Standards und dem Common Information Model (CIM), das im Grid-Management eine wichtige Rolle spielt. Theoretisch können solche Modelle bis zum Kunden reichen. Aus unserer Sicht hätte das aber einige Nachteile, insbesondere bei der Cybersecurity. Man will nicht Millionen direkte Zugänge zum Netzkontrollsystem haben.

Der Energieversorger übermittelt Daten via openADR zum Gebäude, ein lokales System wie Matter kann sie nutzen. Bild: KI

Matter tut sich schwer, im Energiemanagement Fuß zu fassen. Hersteller von Wärmepumpen oder Wallboxen verspüren bislang wenig Anreiz, ihre Systeme damit auszustatten. Kann Ihre Kooperation mit der CSA daran etwas ändern?

Bienert: Natürlich kann ich nicht für die CSA sprechen, aber die Beobachtung stimmt. Wir reden seit vielen Jahren über IoT, und es ist kein echtes IoT, wenn ich sechs verschiedene Systeme im Haus habe und dafür sechs Apps benötige. So etwas kann man nur als teure Ansammlung von Fernbedienungen bezeichnen. Doch es gibt Anbieter wie EnergyHub in den USA, die APIs aus vielen Systemen integrieren und damit ein herstellerübergreifendes Energiemanagement schaffen – auch nach oben hin offen mit OpenADR.

„Es ist kein IoT, wenn ich sechs verschiedene Systeme im Haus habe und dafür sechs Apps benötige.“

Meine Hoffnung in der Matter-Kooperation geht in dieselbe Richtung: Dass wir einem breiten Kreis von Unternehmen – von Bosch bis Google – innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre beschreiben können, welche Ziele die Energieversorger haben. Wie deren Daten am besten zum Gebäude gelangen und wie sie dort von Matter-Systemen nutzbar gemacht werden.

Was gibt Ihnen Anlass zu dieser Hoffnung?

Bienert: Als ich vor etwa einem Jahr bei einem CSA-Meeting in Chicago erstmals über OpenADR gesprochen habe, war schon der Grundgedanke für viele Hersteller von Home-Automation-Produkten neu. Energieeffizienz kennen sie, aber unter dem Aspekt der Einsparung. Hier geht es um die Verschiebung des Verbrauchs, und vielen war nicht bewusst, was für ein wichtiges Thema das ist.

Aus Sicht von OpenADR hoffen wir, dass die Home-Automation-Welt sich mehr Gedanken darüber macht, wie ein Energiemanagement nach dem Prinzip „set it and forget it“ funktionieren kann. Wenn man Kunden die Elektromobilität vermiesen will, drosselt man einfach ihren Lader. Genau das sollte aber nicht passieren. Die Lastverschiebung muss nahtlos, verständlich und einfach gehen. Nicht alle Kunden sind technikaffin. Darum sehen wir in dieser Kooperation eine Chance, den Gebäudesektor besser anzusprechen, um das Ganze langfristig kosteneffizient und massentauglich zu machen.

Wie kann man sich das Endziel oder den Idealzustand dieser Kooperation vorstellen?

Bienert: Meine persönliche Vision für die Zukunft – nicht nächstes Jahr, sondern eher in zehn bis fünfzehn Jahren – wäre eine Zertifizierung. Ein sichtbarer Stempel, der dem Kunden zeigt: Das funktioniert mit deinem Energiesystem zu Hause, und es bringt dir Vorteile. Ähnlich wie die GS-Marke in Deutschland oder der Energy Star in den USA. Der Kunde muss nicht alle technischen Details kennen, sondern nur wissen, dass ein Produkt geprüft ist, die nötige Qualität besitzt und kompatibel ist.

„Meine Vision ist ein Stempel, der dem Kunden sagt: Das funktioniert mit deinem Energiesystem.“

Auf europäischer Ebene wird das wohl nur mit Beteiligung der EU und ihrer Organe funktionieren…

Bienert: Deshalb versuchen wir, wo immer möglich, mit den Gremien zusammenzuarbeiten. Wir haben die Arbeit mit der IEC wieder aufgenommen und sind dabei, OpenADR 3 zu einem IEC-Standard zu machen, wie das schon bei der Vorversion OpenADR 2 der Fall war. Länder wie Österreich oder die Niederlande, wo Regulatoren und Energieversorger an einem Tisch sitzen, helfen natürlich. Und große Akteure wie der staatliche Energieversorger EDF in Frankreich, Pacific Gas and Electric in Kalifornien oder Orange als Service-Provider haben bereits großes Interesse an der Kooperation von OpenADR und Matter gezeigt.

Lassen sich national regulierte Energiemärkte überhaupt global standardisieren? Das klingt nach einer Herausforderung.

Bienert: Es ist eine Herausforderung. Vor 15 Jahren haben mir viele Energieversorger in den USA gesagt, sie könnten OpenADR nicht nutzen, weil ihr eigener Markt völlig anders funktioniere als andere. Meine Antwort war immer: Ihr verkauft also nicht Strom gegen Geld?

Im Kern werden überall dieselben Dinge benötigt. Tarife und Kundenverträge mögen sich unterscheiden, aber die physikalischen Probleme bleiben gleich. Kapazität läuft über Leitungen, und überall stellt sich die Frage, wie man die Netze entlasten kann. Ich hoffe, dass wir mit OpenADR, mit der CSA und in anderen Gremien dahin kommen, diese Dinge in Zukunft besser zu synchronisieren.

Herr Bienert, vielen Dank für dieses Gespräch.

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