KI-generiertes Bild von einem Smarthome, an dem gearbeitet wird.

Der Matter-Standard 2026 – eine Bestandsaufnahme

2025 war ein ereignisreiches Jahr für Matter. Die Zahl engagierter Hersteller ist weiter gestiegen. Mit Firmen wie Busch-Jaeger (ABB), Maco oder Warema unterstützen zunehmend auch professionelle Anbieter den Smarthome-Standard.

Am anderen Ende der Preisskala sorgt Ikea für Kundenzulauf: Der Einrichtungskonzern hat Matter-zertifizierte Produkte für deutlich unter zehn Euro auf den Markt gebracht. Und Kameras in Matter 1.5 komplettierten die ohnehin schon umfangreichen Spezifikationen. Doch wie sieht es mit den Baustellen aus? Die letztjährige Bestandsaufnahme konstatierte dem Projekt Matter noch einigen Nachholbedarf. Was hat sich seither getan? Und wie geht die Entwicklung weiter?

Fortschritte beim Thread-Protokoll

Das Funkprotokoll Thread ist eine von drei Verbindungstechnologien im Matter-Standard. Es stand schon das eine oder andere Mal in der Kritik – wegen konkurrierender Mesh-Netzwerke, kurzer Batterielaufzeiten und einer begrenzten Produktauswahl, die durch den Rückzug von Herstellern wie Nanoleaf noch weiter zu schrumpfen drohte. Die gute Nachricht: Auf allen drei Gebieten sind Fortschritte zu verzeichnen.

Die Auswahl an Produkten steigt

Das deutlichste Signal kommt von Ikea. Mit einer Thread-Offensive, die mehr als 20 neue Produkte umfasst, verbreitet das Unternehmen die installierte Basis. Aber auch Aqara, Bosch, Home Assistant, Level, Meross, Philips Hue, Yale und andere brachten Neuheiten auf den Markt. Im Profi-Lager stießen Firmen wie ABB, Maco und Warema hinzu, während Samsung eine wachsende Zahl seiner Geräte klammheimlich mit einem Thread Border Router ausstattete. Zur CES im Januar und auf der Fachmesse Light + Building im März 2026 ist mit weiteren Ankündigungen zu rechnen.

Verlängerung der Batterielaufzeit

Der Vorteil neu eingeführter Produkte: Sie sind meist nach aktuellen Matter-Spezifikationen zertifiziert. Davon profitieren batteriebetriebene Geräte, deren Funktion im Standard mehrfach optimiert und energieeffizienter gestaltet wurde. Vor allem Matter 1.4 brachte Verbesserungen im Stromverbrauch „schlafender“ Geräte: Sensoren oder Funktaster, die inaktiv sind, müssen sich seltener melden, ohne ihren Status im Netzwerk zu verlieren. Das spart Energie. Und Produkte, die nach Version 1.4 zertifiziert sind, kommen nun langsam auf den Markt.

Das Ziel ist, sie so energieeffizient zu machen wie ihre besten Zigbee-Kollegen. Das ältere Zigbee-Protokoll hat hier die Nase vorn, weil es jahrzehntelang auf Sparsamkeit getrimmt wurde. Es ermöglicht ausgedehntere Schlafzyklen, benötigt weniger Rechenleistung für die Verschlüsselung und schleppt nicht den Protokoll-Overhead von IPv6 mit sich herum. Die Funktechnik ist ausgereift, weil es Zigbee seit über 20 Jahren gibt. Das Thread-Protokoll existiert nur etwa halb so lange und gewann erst durch Matter an Bedeutung. Neue, effiziente Chips wie die nRF54-Serie von Nordic Semiconductor (link) sollen helfen, diesen Vorsprung aufzuholen.

Die Batterielaufzeit von Funksensoren im Smarthome wird von vielen Faktoren beeinflusst. Bild: KI

Gerätehersteller wie Aqara weisen aktuell noch kürzere Batterielaufzeiten aus: Für den Multi-Sensor FP300 etwa, der beide Protokolle beherrscht, ist eine Zigbee-Betriebszeit von bis zu drei Jahren angegeben (link). Mit Thread sollen es eher zwei Jahre sein. In der Praxis können die Werte deutlich darunterliegen, weil sie auch von Faktoren bestimmt werden, die außerhalb jeder Zertifizierung liegen. So führen etwa instabile Thread-Netzwerke oder Border-Router mit schlechter Verbindung zu mehr Funkverkehr. Geräte wachen häufiger auf, um eine Verbindung zum nächstgelegenen Knoten zu suchen. Bei mehreren Plattformen im Multi-Admin-Betrieb fragt jedes Ökosystem die Geräte ab – mit dem Effekt, dass diese öfter geweckt werden oder länger wachbleiben als geplant.

Ein lückenloses Thread-Netzwerk mit ausreichend stromversorgten Geräten an den richtigen Stellen kann somit ebenso die Batterielebensdauer verlängern wie Firmware-Updates auf eine neuere Matter-Version, sofern der Hersteller diese anbietet. Vielen Anwendern dürften die Zusammenhänge aber nicht bewusst sein. Sie schreiben enttäuschende Ergebnisse allein dem betroffenen Produkt zu.

Harmonisierung von Netzwerken

Einen wichtigen Schritt in Richtung stabiler, herstellerübergreifender Netzwerke bedeutet der Übergang zu Thread 1.4. Die jüngsten Spezifikationen des Funkprotokolls – veröffentlicht im Herbst 2024 von der Thread Group (link) – standardisieren den Austausch von Zugangsdaten (Thread Credentials). So können neu installierte Border Router einem vorhandenen Netzwerk beitreten, statt automatisch ihr eigenes Mesh aufzubauen. Parallele Netzwerke sind ein häufiger Grund für Verbindungsprobleme im Alltag und frustrierte Anwender.

SmartThings hat die entsprechende Funktion als Erstes umgesetzt, gefolgt von Ikea. Ann Olivo, Marketing-Chefin der Thread-Group, erklärte dem US-Magazin „The Verge“, dass neue Border Router nur noch mit Thread 1.4 zertifizierbar sind (link). Anträge, die auf der Vorversion Thread 1.3 basieren, werden seit 1. Januar 2026 nicht mehr angenommen. Außerdem schärfte die Connectivity Standards Alliance ihre Matter-Spezifikationen nach: Seit Version 1.4.2 müssen Border Router und sogenannte Network Infrastructure Managers (NIMs) für Thread 1.4 zertifiziert sein.

Nun liegt es an den Plattformen, solche Verbesserungen umzusetzen. Viele Ökosysteme befinden sich noch auf dem Stand von Matter 1.2 oder 1.3. Dass manche – wie Amazon – laut eigener Aussage das SDK von Matter 1.4 unterstützen, hindert sie nicht daran, nur eine Auswahl der darin enthaltenen Funktionen anzubieten (link). Die Zeit arbeitet für den Standard und eine flächendeckende Transformation hin zu Thread 1.4. Ob diese schon 2026 gelingt, muss sich zeigen.

Die Rolle der Matter-Plattformen

Womit wir beim weißen Elefanten im Raum wären: den großen Ökosystemen und ihrer Handhabung des Standards. Denn die Art und Weise, wie Amazon, Apple, Google & Co. die Spezifikationen umsetzen, konterkariert mitunter das Produktversprechen von Matter – weil ihr Vorgehen weder einheitlich noch transparent geschieht. Ein Beispiel: Während SmartThings hohes Tempo an den Tag legt und nur wenige Wochen nach dem Release von Matter 1.5 bereits Vollzug meldet, hängen andere Plattformen auf Version 1.2 fest. Oder haben – wie Google Home – noch nicht einmal die generischen Schalter der ersten Matter-Generation 1.0 verfügbar gemacht (link).

Unterschiede zwischen den Ökosystemen

Das führt in der Praxis zu verwirrten Nutzern. Käuferinnen und Käufer der neuen Ikea-Produkte etwa stellen fest, dass ihre Bilresa-Fernbedienung im Ökosystem von Google nicht funktioniert. Gleiches gilt für den Wassermelder Klippbok, dessen Integration auch bei Amazon fehlschlägt – weil das Alexa-Ökosystem bislang noch keine Leck-Sensoren kennt. Reddit, User-Foren und das E-Mail-Postfach von matter-smarthome sind voller anekdotischer Beobachtungen zu diesem Thema.

Die Plattformen liegen als Schicht zwischen Endgeräten und Standard. Sie entscheiden mit über den Funktionsumfang. Bild: KI

Wird das Produkt erkannt, variiert nicht selten sein Funktionsumfang. So mag zwar einleuchten, dass ein exotisches Bedienelement wie das Scrollrad der Bilresa-Fernbedienung mit Drehscheibe nur am Dirigera Hub von Ikea seine volle Unterstützung erfährt. Warum aber normale Taster je nach Plattform mal einfach, mal zweifach, dreifach, vierfach, für kurzen und langen Druck programmiert werden können, zählt zu den großen Überraschungen, die der Matter-Standard bereithält.

Matter-Versionen treffen aufeinander

Hinzu kommt, dass die Plattformen nicht allein darüber entscheiden, welche Funktionen ein Produkt zur Verfügung stellt. Dabei hat auch die Zertifizierung des Geräts ein Wörtchen mitzureden. Seit Matter 1.4 etwa gibt es die Möglichkeit, dass Saugroboter einen Bereich der Wohnung anfahren und erst dort mit der Reinigung beginnen. Die Fähigkeit dazu ist im sogenannten Service Area Cluster festgelegt. Um ihn zu nutzen, müssen Plattform und Roboter die Spezifikation unterstützen. Ist der Sauger nach Matter 1.2 zertifiziert, fehlt ihm die Software-Voraussetzung dafür.

Ein Ökosystem, das Matter 1.2 oder 1.3 beherrscht, muss ebenfalls passen – sofern der Anbieter nicht trotzdem den Service Area Cluster umgesetzt hat. So geschehen bei Apple Home: Die Plattform steuert bereits seit iOS 18.4 entsprechende Saugroboter von Anbietern wie Roborock oder SwitchBot in den gewünschten Raum. Und das, obwohl ihr weite Teile von Matter 1.4 bislang fehlen. Klingt verwirrend? Für Endkonsumenten ist es das auch, weil der Standard sich als Wundertüte entpuppt. Manchmal zeigt erst die Inbetriebnahme eines Geräts, was damit geht – und was nicht. Selbst die bunten „Works with …“-Logos der Plattformen schaffen hier keine Klarheit. Zumal Anbieter wie Ikea ganz darauf verzichten und nur noch den Matter-Schriftzug auf ihre Verpackung drucken.

Mehr klare Kommunikation, bitte.

Es mag Early Adoptern anders erscheinen, aber der Matter-Standard macht große Fortschritte – und das in einem bemerkenswerten Tempo. Innerhalb dreier Jahre hat er den Weg von einer Handvoll Geräte zu einem umfassenden Produkt-Portfolio zurückgelegt. Über 750 Produkte listet die Übersicht von matter-smarthome.de auf, die meisten davon bereits verfügbar oder kurz vor der Markteinführung. Dass diese Liste nicht länger ist, liegt auch daran, dass wir keine Länderversionen und Modellvarianten mit Farben oder Abmessungen zählen. Und dass uns der Distributed Compliance Ledger (DCL) von Matter als Quelle nicht genügt. Im Blockchain-Verzeichnis des Standards (link) tauchen Geräte oft lange vor ihrer Zertifizierung auf – mit kaum mehr als ihrem Namen. Für einen Eintrag auf matter-smarthome.de sollten es schon umfassendere Daten sein.

Zu wenig Informationen für Anwender

Der Mangel an Informationen wird wohl auch 2026 ein Hemmschuh von Matter bleiben. Kaum ein Hersteller und nur wenige Plattformen kommunizieren öffentlich, wie weit sie mit der Umsetzung sind. Hinweise auf Matter sind oft in den technischen Daten versteckt – und wenn vorhanden, sagen sie wenig darüber aus, welche Spezifikationen oder Funktionen genau unterstützt werden. Hier kollidiert der offene, herstellerübergreifende Ansatz mit dem Wunsch der Firmen, vor allem eigene Lösungen und Systeme zu promoten.

Eine Revolution von unten?

Sollte uns das entmutigen? Eher nicht. Die Saat ist gelegt und Matter verbreitet sich als Graswurzelbewegung: dezentral, ohne Richtungsvorgabe. Der Standard wächst von unten in die Smarthome-Bereiche hinein. Er bereitet den Boden für neue Matter Controller und Smarthome-Lösungen, die eine Alternative zu den genannten Plattformen werden können. Unterschiede in den bisherigen Ökosystemen müssen sich auswachsen.

Dabei dürfen frühe Blüten wie der Markteinstieg von Ikea, eine wachsende Zahl an B2B-Anwendungen und neue Server von Home Assistant oder Homey über die Lücken in der Vegetation nicht hinwegtäuschen. Doch wenn Matter sein Wachstum beibehält, verschwinden diese Fehlstellen von selbst. Die Natur benötigt dafür einfach ihre Zeit.

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