Kategorien
Entwicklung

Was uns die IFA 2022 über matter gelehrt hat

Es wird konkret, so die Botschaft auf der diesjährigen Elektronikmesse IFA. matter schaffte es in der Wahrnehmung ganz nach vorn. Kaum ein Medium, das in seiner Berichterstattung darauf verzichtete, über die Vorzüge des neuen Smarthome-Standards zu schreiben. Vom „Handelsblatt“ (link) über den „Stern“ (link) bis zur „Welt“ (link) griffen erstmals auch Redaktionen abseits der einschlägigen Technik-Presse das Thema auf. Und zu berichten gab es einiges.

1. Es funktioniert

Am meisten Aufmerksamkeit dürfte Eve Systems bekommen haben. An seinem Stand in Halle 5.2 demonstrierte das deutsche Unternehmen, wie matter in der Praxis aussieht – und auch ein wenig, wie es sich anfühlen wird. In einem Testaufbau mit vier Stationen waren die großen matter-Ökosysteme zu sehen: Amazon Alexa, Apple Home, Google Home und SmartThings. Ausgestattet mit Vorabversionen ihrer matter-fähigen Firmware steuerten sie jeweils einen Funk-Zwischenstecker Eve Energy – und darüber hinaus Produkte wie den Rollladenantrieb Eve Motion Blinds oder den Heizkörperregler Eve Thermo.

Kein Teil der öffentlichen Demo, aber trotzdem schon funktionsfähig: der parallele Betrieb in mehreren Smarthome-Systemen. Eve-CEO Jerome Gackel zeigte mir ein Video, in dem Amazon Alexa und Siri abwechselnd denselben Zwischenstecker kontrollierten, den Strom an- und abstellten oder nach dem Schaltzustand fragten: „Alexa … schalte Steckdose 1 ein.“ „Hey Siri … ist Steckdose 1 eingeschaltet?“

Schon diese Multi-Admin-Funktion ist für mich den ganzen matter-Aufwand wert. Weil man sich nicht länger merken muss, welche Geräte über welche digitalen Assistenten angesprochen werden. Wie oft habe ich versucht, meinen Drucker mit Alexa einzuschalten – und dabei vergessen, dass er an einer HomeKit-Steckdose hängt, also nur auf Siri hört. Auch für „hybride Haushalte“, in denen Android- und Apple-Smartphones nebeneinander existieren, ist die Entwicklung ein Segen.

2. Mehr Unterstützer

Über 280 Mitglieder zählt die matter-Allianz inzwischen, hat mir Jon Harros, Direktor für Zertifizierungs- und Prüfprogramme bei der Standardisierungsorganisation CSA, auf der IFA erklärt. Darunter so alte Bekannte wie Eve oder Netatmo – von Letzterem war der Thread-basierte Öffnungskontakt mit Bewegungsmelder zu sehen, den das Unternehmen bereits Anfang des Jahres auf der CES angekündigt hat.

Öffnungskontakt mit integriertem Bewegungsmelder für matter. ©matter-smarthome.de

Auch Leedarson (großes Bild oben), Schneider Electric und Tuya zeigten Produkte in Berlin. Ganz neu und etwas überraschend haben sich zwei deutsche Unternehmen auf der IFA zu matter bekannt: Der hierzulande marktführende Router-Hersteller AVM will den Standard in sein Betriebssystem FritzOS integrieren. Die Fritzbox-Router des Unternehmens verfügen schon heute über Smarthome-Funktionen und verwenden den Funkstandard Dect ULE dafür. Mit matter im Betriebssystem sollen sie ihre verbundenen Sensoren, Steckdosen, Heizungsregler und Rollladenantriebe an matter-Steuerungssysteme weiterreichen. Ein cleverer Schachzug der Berliner, weil ihr eigenes System damit auf einen Schlag kompatibel zu den Lösungen von Amazon, Apple, Google und SmartThings wird. Mehr zur Fritzbox und den matter-Plänen von AVM gibt es auf digitalzimmer.de (link).

Einen ähnlichen Weg verfolgt Mediola aus Frankfurt am Main (link). Der Spezialist für markenübergreifende Vernetzung plant laut CEO Bernd Grohman eine matter-Bridge, die Systeme anderer Hersteller mit dem Smarthome-Standard verbinden soll. Wie genau diese Brücke aussieht, verrät er noch nicht. Man wird sie sich aber so ähnlich vorstellen können wie die bisherigen Mediola-Gateways – als externe Box, die Funkprotokolle wie Homematic IP, Enocean, Z-Wave, Zigbee und Infrarot-Signale mit drahtgebundenen Systemen à la KNX verbindet. Zeichnen sich da womöglich erste Produkte für den Profi-Einsatz ab? Ubisys hat schließlich auch schon eine matter-Bridge für seine Zigbee-Komponenten angekündigt. Und Schneider Electric zeigte ein matter-fähiges Gateway für das Wiser-System in Berlin.

Wiser-Produkte und ein matter-fähiges Gateway von Schneider Electric. @matter-smarthome.de

3. Neue Produktgruppen

Dass matter zum Start nur einige ausgewählte Produktkategorien unterstützt, war klar. Seit der IFA wissen wir, um welche es sich handelt: Die CSA hat eine Liste veröffentlicht. Die erste Spezifikation (matter 1.0) wird demnach gängige Themen wie Beleuchtung, Heizung, Lüftung, Beschattung abdecken, aber auch Türschlösser, Sensoren und TV-Geräte. Außerdem die sogenannten Bridges, mit denen Geräte Anschluss finden, die nicht WLAN oder Thread als Funkprotokoll verwenden. Produkte wie die Philips Hue-Bridge gehören in diese Kategorie, ebenso wie Gateways von Aqara, Mediola, Ubisys oder die oben genannte Fritzbox.

Doch was passiert als Nächstes? Laut CSA sind weitere Produktkategorien in Arbeit, darunter die Gruppe der Haushalts-Großgeräte, also Backöfen, Kühlschränke, Geschirrspüler, Waschmaschinen. Von dieser „Weißen Ware“ wollte sich kein Hersteller auf der IFA zu matter äußern. Bosch hat vor Monaten eine allgemeine Ankündigung gemacht, hält sich aber bedeckt. Von Miele war zu erfahren, dass der Hersteller „aktiv an der Integration von Hausgeräten mitarbeitet“.

Interessantes Detail: Weder die BSH-Gruppe mit ihren Hausgerätemarken Bosch, Gaggenau, Neff und Siemens, noch Miele oder Whirlpool (Bauknecht, Indesit) sind Mitglieder der Home Connectivity Alliance (link). In dieser Gruppe haben sich Electrolux (AEG), Haier (GE), LG, Samsung und andere Unternehmen zusammengefunden, um eine herstellerübergreifende Steuerung ihrer Hausgeräte zu realisieren. Auf der IFA konnte ich erste Ergebnisse dieser Zusammenarbeit sehen und mich mit Yoon Ho Choi, Präsident und Vorstandsvorsitzender der Home Connectivity Alliance, unterhalten.

Die Home Connectivity Alliance (HCL): Konkurrenz oder Wegbereiter für Hausgeräte in matter?

Beide Initiativen haben etwas unterschiedliche Ansätze. Während matter auf die Steuerung mit einem Ökosystem wie Amazon Alexa oder Google Home abzielt, will HCL zunächst die Smartphone-Apps seiner Mitglieder kompatibel machen. Ein Kühlschrank von Electrolux etwa soll in der App von LG erscheinen, der Samsung-Backofen sich über das Programm von Haier steuern lassen. Dabei nähern sie sich demselben Ziel: einer gemeinsamen Schnittstelle für den Datenaustausch.

Deshalb wäre es wünschenswert, wenn die Initiativen im Austausch bleiben und von den Erkenntnissen der jeweils anderen profitieren würden. Zumal Unternehmen wie LG und Samsung in beiden Allianzen vertreten sind.

4. Es geht los

In Berlin kursierten einige Gerüchte zum Start von matter im Herbst. Die CSA als federführende Organisation wollte keinen Termin bestätigen. Aber der Eindruck verdichtet sich, dass es keine weitere Verschiebung geben wird. Der kalendarische Winter beginnt am 21. Dezember, aus meteorologischer Sicht findet der Jahreszeitenwechsel bereits am 1.12. statt. Firmenvertreter, mit denen ich in Berlin gesprochen habe, rechnen mit einem Startschuss vor diesem Datum.

5. Offene Fragen

Wenn die Messe eines gezeigt hat, dann wie wenig bislang über die praktische Umsetzung von matter bekannt ist. Wird sich der Funktionsumfang zertifizierter Produkte in den verschiedenen Systemen unterscheiden? Oder bleibt er über die Plattformen hinweg gleich? Der Standard sieht mehrere Abstufungen vor. Einen Basisumfang, etwa zum Schalten von Licht und Steckdosen, unterstützt jedes Produkt. Andere Funktionen können die Anbieter vorsehen, müssen sie dann aber entsprechend den Spezifikationen umsetzen. Und obendrauf – gewissermaßen als Sahnehäubchen – liegen individuelle Extras, bei denen der Gerätehersteller an keine Vorgaben gebunden ist, weil er diese in seiner eigenen App realisiert.

Was passiert zum Beispiel mit der Energiemessfunktion von Zwischensteckern? Bleibt sie ein optionales Feature – wie aktuell in HomeKit – wo jeder Steckdosen-Hersteller selbst entscheidet? Oder wird sie ein Teil von matter? Für künftige Versionen der Spezifikation ist immerhin ein Energiemanagement vorgesehen. Werden Schlösser lediglich auf- und zusperren oder auch aufschließen, ohne die Falle zu ziehen? Was bei europäischen Schlössern wichtig wäre, damit eine Haustüre nicht gleich aufspringt. Und wie sieht es mit Heizplänen aus? Eine Funktion, die in den USA traditionell keine so große Rolle spielt wie in Europa.

Türschlösser ins Europa funktionieren anders als in den USA. Nimmt matter darauf Rücksicht? Bild: Netatmo

Eine Idee von matter ist auch, dass der Standard die Entwicklung von Geräten erleichtert, weil Hersteller eine gemeinsame Schnittstelle für verschiedene Systeme haben. Doch was, wenn diese Systeme eigene Erweiterungen auf matter draufpacken, um sich im Wettbewerb zu profilieren? Ein Beispiel dafür ist Amazons Frustration Free Setup (FFS), das die Installation vereinfacht – von den Herstellern aber Anpassungen in ihrer Software verlangt (mehr zu FFS in diesem Beitrag auf digitalzimmer.de). Amazons Ansatz geht über die Setup-Prinzipien von matter hinaus. Wie viel dabei am Ende vom Ideal der Standardisierung übrigbleibt, muss sich zeigen.

Es wäre vermessen zu erwarten, dass der Standard alle Probleme im Smarthome sofort und im Alleingang löst. Seine Aufgabe besteht darin, eine gemeinsame Sprache zu schaffen, mit der Geräte einfach und sicher kommunizieren können. Am Wettbewerb zwischen den Plattformen wird sich dadurch nichts ändern.

Im Gegenteil: Die Standardisierung eröffnet ein neues Spielfeld, auf dem kleinere Firmen mit den großen US-Konzernen konkurrieren können. Denn wie mir ein Experte in Berlin erklärte, wird es künftig möglich sein, auch Steuersoftware für matter von der CSA zertifizieren zu lassen. Ein entsprechendes Programm verwandelt Smartphones, Tablets, den PC oder jedes andere Gerät, auf dem es läuft, in einen matter-Controller. Ergebnis wäre ein Zuhause, das – lokal gesteuert – ohne Hilfe von Amazon, Apple oder Google auskommt. Ein Aspekt, der bislang kaum thematisiert wurde. In der öffentlichen Wahrnehmung ist matter ganz klar von den US-Plattformen dominiert. Wo bleiben eigentlich Ankündigungen der europäischen Allianz-Mitglieder in dieser Richtung? Legrand mit der Plattform Home+ Control oder auch Bosch mit seinen Smarthome-Lösungen wären heiße Kandidaten dafür.


Diesen Beitrag teilen: