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Interview

„Matter hat die Entwicklung außergewöhnlich schnell durchlaufen“

Ein Interview mit Gimmy Chu, Mitbegründer und CEO von Nanoleaf, über den kommenden Smarthome-Standard. Was dieser für die Branche und sein Unternehmen bedeutet. Der Spezialist für dekorative LED-Beleuchtung hat sich von Anfang an für matter engagiert und will unter den ersten sein, die Produkte auf den Markt bringen.

This is a translation of an English interview. For the original version, go this way.

Warum hat Nanoleaf sich so früh auf matter eingelassen?

Gimmy Chu: Wir wollen bei Innovationen und Technologien für die intelligente Beleuchtung führend sein. Als erstes Unternehmen in diesem Bereich bringen wir Thread-Produkte auf den Markt. Und als Thread Ende 2019 angekündigt wurde, wussten wir sofort, dass wir an der Spitze der Entwicklung stehen müssen. Wir glauben, dass Smarthome eine viel zugänglichere und umfassendere Erfahrung sein muss, um wirklich „smart“ zu werden. matter ermöglicht uns, eine Sprache für die Steuerung unserer Produkte zu entwickeln und uns viel mehr auf die Behebung von Problemen zu konzentrieren, die bislang noch ungelöst sind.

Welche Vorteile versprechen Sie sich von matter für Ihr Unternehmen?

Chu: Thread und matter bilden eine solide Grundlage für die Verbindung von Geräten. Der Standard verschafft Unternehmen wie uns mehr Zeit und Ressourcen, um sich auf die Entwicklung innovativer Produkterlebnisse zu konzentrieren. Anstatt sich bei dem Versuch zu verzetteln, Interoperabilität mit Plattformen herzustellen, die bislang nicht standardisiert waren (z. B. HomeKit, Google Home, Alexa).

Thread ist ein zuverlässiges und skalierbares Netzwerkprotokoll, mit dem sich Produkte hinzufügen lassen, ohne das heimische WLAN zu überlasten. Wir haben eng mit Apple, Google, Amazon und Samsung zusammengearbeitet, um die Interoperabilität sicherzustellen, und die Technik wird auch mit allen anderen funktionieren, die auf Thread setzen. Außerdem haben sich die großen Technologieunternehmen bereits darauf festgelegt, dass Thread das Smarthome-Protokoll ist, auf das sie in Zukunft bauen werden, wenn es um Beleuchtung geht. So können Mitglieder der Nanoleaf-Community Produkte kaufen, die zukunftssicher sind.

Kritiker sagen, dass sich Thread noch nicht in komplexen Umgebungen mit vielen verschiedenen Herstellern bewährt hat …

Chu: Für die meisten Smarthome-Anwendungen ist Thread das Netzwerkprotokoll, das Zigbee und Bluetooth sinnvoll ersetzen kann. Es gibt immer noch Situationen, in denen Wi-Fi seine Berechtigung hat (z. B. Heimcomputer, Mobiltelefone, Kameras) – alles, was eine große Datenbandbreite erfordert. Für alle Produkte, die einen geringen Datendurchsatz haben, ermöglicht Thread jedoch eine viel größere Reichweite und ist extrem stromsparend, sodass batteriebetriebene Produkte länger durchhalten.

Um es offen zu sagen: Alle neuen Innovationen und Produkte sind mit einem technischen Risiko verbunden, aber dieses Risiko müssen Unternehmen eingehen, um Verbesserungen und neue Entwicklungen voranzutreiben. Abgesehen davon hat Thread eine jahrelange Entwicklung von Google Nest hinter sich. Apple treibt die Entwicklung mit seiner jahrelangen Erfahrung auf dem Markt voran. HomeKit als frühe Anwendungsschicht ebnet gewissermaßen den Weg für Thread.

Thread 1.3.0 enthält eine Reihe von Funktionen, von denen ein Großteil in den Border Router integriert ist, über den wir in einem Whitepaper (Link) geschrieben haben. Durch die Standardisierung werden viele in der Technologielandschaft bereits eingesetzte Lösungen übernommen. Die Vorteile von IP in einem Netzwerk mit geringem Energieverbrauch sind die kleineren technischen Risiken definitiv wert.


Die Vorteile von IP in einem Netzwerk mit geringem Energieverbrauch sind die kleineren technischen Risiken wert.


Nanoleaf ist vor allem für seine Leucht-Paneele bekannt und bei Gamern sehr beliebt. Wird matter etwas an der Produktphilosophie und -ausrichtung ändern? Denken Sie auch an funktionale Beleuchtung?

Chu: Im Moment dreht sich das Thema Smarthome um Produkte, die Sie mit Ihrem Smartphone steuern können. Wir sehen die Zukunft aber in der Entwicklung von Intelligenz und Automatisierung, wo alle Ihre Geräte nahtlos zusammenarbeiten werden, ohne dass Sie Ihr Telefon oder sogar Sprachbefehle benötigen. Alles wird einfach automatisch so funktionieren, wie Sie es brauchen.

Sie können von uns erwarten, dass wir stärker mit Sensoren arbeiten. Der Schwerpunkt liegt nicht mehr auf Smartphones, sondern auf einer echten Automatisierung, die im Hintergrund läuft, während die Verbraucher ihren täglichen Aufgaben nachgehen. Wir werden weiterhin Produkte entwerfen, die unter die Kategorie „Smartes Dekor“ fallen und die kreativen Grenzen dieser Kategorie ausreizen, gleichzeitig aber mehr in Richtung Automatisierung und funktionale Beleuchtung entwickeln.


„Sie können von uns erwarten, dass wir stärker mit Sensoren arbeiten.“


Sie haben angekündigt, dass einige Ihrer Produkte als Border-Router für das Thread-Funkprotokoll dienen werden. Um welche handelt es sich, und werden sie herstellerübergreifend funktionieren?

Die aktuelle Spezifikation des Thread-Standards (1.3.0) sieht dies bereits vor. Unsere Produkte Shapes, Elements und Lines fungieren derzeit als Thread Border Router für Thread-fähige Geräte und werden auf Thread 1.3 aktualisiert werden.

Einige Käufer der Essentials-Produkte mit Thread hatten auf ein Software-Update gehofft, das die Unterstützung von matter nachträglich freischaltet. Das wird jetzt nicht passieren. Warum?

Chu: Die aktuelle Version von Essentials wird matter leider nicht unterstützen. Wir planen die Veröffentlichung einer neuen Generation, die mit matter kompatibel ist, zur Einführung des Standards. Wegen der Art und Weise, wie die matter-Spezifikation zustande kam, waren die Anforderungen an die Hardware höher als erwartet, sodass nun einige Hardware-Upgrades nötig werden. Das hat aber keine negativen Auswirkungen auf unsere Kunden, die bereits Essentials-Produkte besitzen. Die Integrationen, die sie schätzen, werden auch nach dem Start von matter funktionieren.

Endkunden sehen matter kaum. Für sie kommt es darauf an, ob ihre Produkte mit den Systemen von Apple, Google und Alexa zusammenarbeiten. Wir haben unsere Produkte so entwickelt, dass sie alle wichtigen Plattformen unterstützen, damit unsere Kunden weiterhin in der Lage sein werden, alles nahtlos zu nutzen, ohne von der Änderung betroffen zu sein. Die Umstellung auf matter wird vor allem neuen Nutzern zugutekommen, die verschiedene Smarthome-Ökosysteme betreiben, oder solchen, die sich noch nicht für ein System entschieden haben.

Das Schöne an Thread ist, dass es auf dem Internetprotokoll aufbaut, was uns erlaubt, HomeKit, matter oder sogar unsere eigenen Funktionen in ein und demselben Netzwerk einzusetzen. Das war mit energiesparender Mesh-Technologie bislang nicht möglich. So können Sie beim Ausbau Ihres Thread-Netzwerks mit neuen matter-Produkten von Nanoleaf oder einem anderen Hersteller trotzdem von der Thread-Unterstützung bestehender Essentials-Produkte profitieren.


„Die Hardware-Anforderungen von matter sind höher als erwartet, sodass nun einige Hardware-Upgrades nötig werden.“


Wird es eine Möglichkeit geben, die Essentials trotzdem mit matter-Systemen zu verbinden, etwa über einen Border Router, der sie erkennt und weiterleitet?

Die Essentials arbeiten bereits mit vielen Hausautomatisierungssystemen über Cloud-to-Cloud-Verbindungen zusammen, sofern der Nutzer über einen Thread Border Router von Nanoleaf (einschließlich Shapes, Elements oder Lines) verfügt. Wenn Sie sich auf die matter-Integration von Philips Hue beziehen, die Zigbee-Geräte über eine matter-fähige Bridge zugänglich macht, können wir zu so einer Lösung zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Aussage machen. Die heutigen Essentials werden weiterhin funktionieren, wie bisher. Zukünftige Essentials-Produkte, die matter unterstützen, benötigen keine Bridge, sondern nur einen Border Router, der Thread 1.3.0 unterstützt.

Welche Modelle der Produktpalette werden mit dem neuen Standard kompatibel sein, wenn er auf den Markt kommt?

Unsere kommende Essentials-Reihe wird matter-kompatibel sein, sobald der Standard verfügbar ist. Unsere Wi-Fi-Produkte wie Lines, Elements, Shapes, Canvas und die ursprünglichen Light Panels funktionieren bereits heute mit den wichtigsten Plattformen (Apple, Google, Alexa und Samsung SmartThings), sodass sie technisch gesehen auch mit matter-fähigen Geräten arbeiten können. Wir werden aber neue Anwendungsfälle beobachten, die eventuell matter verlangen, und sie mit dem Mehrwert für die Nutzer abwägen, um zu bestimmen, worauf wir unsere Entwicklungsanstrengungen konzentrieren. Unsere Produkte werden auch künftig mit den wichtigsten Plattformen zusammenarbeiten.

Bedeutet dies für Wi-Fi-Produkte im Grunde dasselbe wie für die Essentials der ersten Generation: Sie funktionieren weiter, aber es wird nicht zwangsläufig ein Software-Update geben, das sie über matter mit zusätzlichen Smarthome-Systemen verbindet?

Chu: Das ist richtig. Wir werden auch weiterhin die Anwendungsfälle und die technische Machbarkeit eines Upgrades bestehender Produkte beobachten. Beachten Sie aber, dass Essentials-Produkte stärker eingeschränkt sind als unsere Smarter Decor-Produkte.


Unsere bestehenden Produkte werden auch in Zukunft mit den wichtigsten Plattformen zusammenarbeiten.“


Während andere Hersteller bereits Ankündigungen über kommende matter-Produkte gemacht haben, sind Sie eher zurückhaltend. Können wir mit Neuheiten zum Start des Standards rechnen?

Chu: Ja, wir planen, eine Reihe neuer Produkte auf den Markt zu bringen, sobald der neue Standard verfügbar ist. Unser Team hat hinter den Kulissen unglaublich hart gearbeitet, um sicherzustellen, dass die Produkte parallel zur Markteinführung bereit sind. Und wir haben eine ganze Reihe aufregender neuer Dinge, die wir noch in diesem Jahr ankündigen werden.

Welche Herausforderungen sind bislang im Entwicklungsprozess aufgetreten?

Chu: Die meisten neuen Standards benötigen viele Jahre von der Idee bis zur Markteinführung. matter ist trotz aller Verzögerungen und der Pandemie außergewöhnlich schnell in der Entwicklung vorangekommen. Man hat einen einzigartigen Ansatz gewählt, bei dem ein gemeinsames SDK parallel zur Hauptspezifikation entwickelt wurde. Die Vorteile dieses Ansatzes überwiegen die Nachteile bei Weitem, auch wenn es eine ziemliche Herausforderung war, die Schwierigkeiten aus der Ferne und mit vielen einzigartigen und unterschiedlichen Partnern zu überwinden.

Wir haben das auch schon oft gesagt, aber wir sehen matter als neue Grundlage, nicht als finales Ziel. Alle Innovationen, die das Smarthome der Zukunft ausmachen werden, stehen noch aus und bauen darauf auf. Es geht darum, die Vernetzung zu vereinfachen, die Basisinstallation. In gewissem Sinne ist dies die letzte Meile unseres langen Marathons auf dem Weg zur Konnektivität in einem intelligenten Haus.

Im Grunde lieben wir es, an innovativen neuen Dingen zu arbeiten, die den Benutzern Freude bereiten. Gute Konnektivität hat keinen besonderen Spaßfaktor, aber schlechte Konnektivität ist definitiv ein Spielverderber. Deshalb glaubt unser Team, dass es wichtig ist, die Energie auf matter zu konzentrieren. So schaffen wir eine solide Grundlage für neue Erlebnisse, die unseren Nutzern Freude bereiten.

Herr Chu, viele Dank für dieses Interview.


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