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Entwicklung

Der Matter-Start: Wenn Wunsch auf Wirklichkeit trifft

Der 3. November 2022 war ein großer Tag für alle Beteiligten. Die Connectivitiy Standards Alliance (CSA) – als Organisation verantwortlich für den matter-Standard – hatte zum Launch-Event nach Amsterdam geladen. Medienvertreter aus aller Welt konnten den Beginn einer neuen Smarthome-Ära miterleben – vor Ort im Veranstaltungszentrum oder online an ihren Bildschirmen per Videostream. Die Eröffnungsreden wurden live auf YouTube übertragen und sind dort weiterhin abrufbar (link).

CSA-Präsident Tobin Richardson (4. von links) und Firmenvertreter auf dem Launch-Event in Amsterdam. (Bild: matter-smarthome.de)

Gemeinsame Botschaft: Trotz Verzögerungen während der dreijährigen Entwicklungszeit (siehe Zeitlinie) bleibt die Dynamik ungebrochen. „Seit Veröffentlichung des Standards im Oktober 2022 sind allein 20 neue Mitglieder zur Allianz hinzugestoßen“, so CSA-Präsident und -CEO Tobin Richardson in seiner Präsentation. Die Spezifikationen wurden 4400 Mal heruntergeladen, das Software Developer Kit 2500 Mal. Außerdem befinden sich 190 Produkte in der Zertifizierung oder haben den offiziellen Segen der CSA bereits erhalten. Der aktuelle Stand ist online einsehbar (link), spiegelt aber nicht direkt die Verfügbarkeit von Geräten wider. Denn wann ein Anbieter seine zertifizierte Software ausliefert oder das Produkt auf den Markt bringt, ist seine Entscheidung.

Zuerst die Software-Updates

Der spannendere Teil der Veranstaltung fand deshalb eine Etage tiefer statt. Dort, im sechsten Stock der ehemaligen Diamantenbörse Capital C, hatten über ein Dutzend Hersteller ihre Zelte aufgeschlagen. Oder besser gesagt: Demo-Tische aufgebaut. Hier zeigten sie, wie flink und zuverlässig matter in der Praxis funktioniert. Nur dass mittlerweile fast fertige Software zum Einsatz kam und nicht – wie Anfang September bei Eve Systems auf der IFA – eine frühe Betaversion. Das deutsche Unternehmen gehört auch zu den ersten Endgeräteherstellern, die Updates für ihre Produkte bereitstellen wollen: Am 12. Dezember geht es los mit Eve Energy, Eve Motion und Eve Door & Window.

Kurz vorher oder zeitgleich plant Ubisys das Update seiner Zigbee-Bridge, Aqara stellt die Aktualisierung des Smarthome-Hubs M2 ebenfalls für Dezember in Aussicht. Amazon macht bis Jahresende 17 Echo-Modelle zumindest teilweise fit, doch dazu kommen wir gleich noch. Und Wiz peilt denselben Zeitrahmen für seine WLAN-Leuchtmittel an. Gefolgt von Signify-Schwester Philips Hue, die ihre Bridge „im ersten Quartal 2023“ aktualisieren will. Das heißt aber auch: Bis neue Produkte mit dem matter-Logo die Händlerregale erobern, wird noch etwas Zeit vergehen. Nanoleaf mit der Neuauflage seiner Essentials-Serie dürfte zu den Ersten gehören (1. Quartal 2023).

Entwicklungsmuster der Hue Bridge mit matter-Firmware in Amsterdam (Bild: matter-smarthome.de)

Zuerst sind die Software-Updates bestehender Modellversionen dran, was erfreulich ist. Schließlich hatte die Allianz sich vorgenommen, möglichst viele Smarthome-Nutzer mitzunehmen und nicht zwangsläufig den Neukauf von Geräten zu verlangen. Lösungen mit Funk-Bridge und updatefähige Produkte sind dafür ein probates Mittel. In dieser Hinsicht, und was den Austausch von Befehlen angeht, scheint matter die hochgesteckten Erwartungen zu erfüllen. Wer allerdings in der Hoffnung nach Amsterdam reiste, ein gut geschmiertes Uhrwerk erleben, in dem alle Zahnräder schon reibungslos ineinander greifen, hörte es an einigen Stellen noch knirschen.

Leichtes Knirschen im Getriebe

Ein komplexes Uhrwerk wie den matter-Standard zu entwerfen und alle nötigen Einzelteile herzustellen ist eine Sache. Das Ganze erfolgreich in Gang zu bringen, eine völlig andere. Denn dafür müssen die Hersteller auch dort zusammenarbeiten, wo der Standard Raum für eigene Interpretationen bietet. Beispiel: Multi-Admin. Die Möglichkeit, Produkte in mehreren Smarthome-Lösungen parallel zu nutzen, ist ein Kernversprechen von matter. Installierte Geräte lassen sich in den Kopplungsmodus versetzen und danach zu einem weiteren Ökosystem hinzufügen – oder auch zu mehreren, falls gewünscht.

Wie die Anbieter der Systeme – von Apple bis Samsung SmartThings – das umsetzen, bleibt jedoch ihnen überlassen. Google und Samsung erzeugen einen QR-Code, den die Smartphone-Kamera aufnehmen kann, um eine verschlüsselte Verbindung zu den Geräten herzustellen. Gerade die Home-App von Apple – mit HomeKit seit jeher der Wegbereiter dieser Methode – zeigte in Amsterdam aber einen mehrstelligen Zifferncode am Bildschirm an. Es ist nicht nur umständlicher, diesen Code von Hand zu kopieren und in die App des anderen Systems einzufügen, es passt auch nicht zu Apples sonstiger Bedienphilosophie. Möglich, dass ein künftiges iOS-Update hier Abhilfe schafft.

Diesmal keine Tulpen: Mitbringsel aus Amsterdam. (Bild: matter-smarthome.de)

Ungeklärt scheint auch, wie die übertragenen Geräte in der Empfänger-App auftauchen. Wenn es unglücklich läuft, als neues, anonymes Gerät, das erst bezeichnet und an seinen virtuellen Platz im Smarthome verfrachtet werden will – obwohl es an seinem Herkunftsort bereits eingerichtet war. Die großen Ökosysteme haben deshalb begonnen, bilaterale Abkommen zu schließen. Google arbeitet mit SmartThings zusammen und SmartThings darüber hinaus mit Amazon, um den gegenseitigen Datenaustausch zu verbessern.

Unterbliebene Hilfestellung verhindert nicht den Betrieb, macht die Bedienung aber unter Umständen komplizierter. Etwa so wie es Philips Hue für seine Bridge in Aussicht stellt: Wenn Signify demnächst die Hue-Bridge aktualisiert, können Amazon Alexa und Google Home nach dem Update über matter wie gewohnt auf alle Lampen zugreifen. Bei Apple muss, Stand heute, die Bridge zuerst aus der Home-App gelöscht und neu hinzugefügt werden, um anderen matter-Systemen den Zugang zu ermöglichen.

Richtig los geht es 2023

Weil offenbar noch einiges zu tun ist, hat Gründungsmitglied Amazon sich für einen Start in zwei Phasen entschieden: Im Dezember erhält die erste Gruppe von 17 Echo-Modellen ihr Software-Update für matter – darunter alle Dots ab der 3. Generation (mit und ohne Uhr), die Echos der 3. und 4. Generation, diverse Echo Show, aber auch Echo Studio, Flex und Input. Nach dem Update werden diese Amazon-Produkte drei matter-Gerätekategorien per WLAN einbinden können: Lampen, Steckdosen und Schalter. Wer sein Zubehör nicht direkt bei Amazon mit „Frustfreiem Setup“ (AFFS) bestellt, benötigt die Alexa-App für Android zur Inbetriebnahme.

matter-Demonstration mit einem Amazon Echo 4 in Amsterdam. (Bild: matter-smarthome.de)

Eine angepasste Version der iOS-App folgt dann im zweiten Schwung Anfang 2023 – gemeinsam mit weiteren Echo-Modellen, zusätzlichen matter-Produktkategorien und der Unterstützung des Funkstandards Thread. Warum das so ist, kann mehrere Gründe haben. Zum einen scheint die Entwicklung von Thread Border Routern noch nicht so weit, dass Modelle verschiedener Anbieter automatisch ein gemeinsames Netzwerk bilden. Um dem jeweils anderen beitreten zu können, sind individuelle APIs der Anbieter nötig. Und dann scheint die jüngste iOS-Generation von Apple zusätzlich Arbeit zu machen. Auch SmartThings hat bislang nur eine matter-fähige Android-Version seiner App veröffentlicht.

So richtig in Fahrt kommt der matter-Zug also Anfang 2023, wenn auch Aqara, Ikea, Wiz, Philips Hue – und hoffentlich Google – ihre Updates ausliefern. Das große G hat in Amsterdam noch keinen Zeitplan genannt.

Wäre es besser gewesen, den Launch zwei weitere Monate zu verschieben? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Denn dann bliebe uns dieser spannende Einblick ins Getriebe der Smarthome-Mechanik verwehrt. Später, wenn alles läuft, interessiert sich kaum noch jemand für die Technik unter der Haube, das ist im Gebäude nicht anders als beim Automobil. Und ein Start rund um die Consumer Electronics Show (CES) Anfang Januar in Las Vegas hätte matter zu einem US-amerikanischen Heimspiel gemacht. Diesen Eindruck wollte die Connectivity Standards Alliance angesichts reger Beteiligung europäischer Unternehmen wohl vermeiden. Auch so wird die CES im Zeichen von matter stehen.

Fazit: Der Wunsch nach einem Über-Standard fürs Smarthome wird wahr. Seine Verwirklichung braucht nur noch etwas mehr Zeit.


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