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Interview

„Wir haben nicht vor, Lampen mit Thread-Funk zu bauen“

Ein Interview mit George Yianni, Head of Technology Philips Hue bei Signify. Das niederländische Unternehmen bezeichnet sich selbst als Weltmarktführer für Beleuchtung und ist ein aktiver Unterstützer des matter-Standards. Philips Hue wird voraussichtlich zu den ersten Produkten gehören, die bei seiner Einführung schon einsatzbereit sind.

This is a translation of an English conversation. For the original version, go this way.

Philips Hue lässt sich schon heute – ohne Hilfe von matter – in viele Smarthome-Systeme integrieren. Trotzdem haben Sie den Standard von Anfang an unterstützt. Warum eigentlich?

George Yianni: Das ist nichts Neues. Philips Hue war schon immer unter den Ersten, wenn es um Smarthome-Initiativen ging. Wir waren Launch-Partner von Alexa, eine der ersten Integrationen von Google und HomeKit. Unser Ziel ist es, das bestmögliche Beleuchtungserlebnis zu schaffen und zu erweitern, was Verbraucher mit Beleuchtung tun können. Da es aber auch Anwendungsfälle gibt, bei denen die Beleuchtung zusammen mit Thermostaten, Türschlössern usw. gesteuert wird, halten wir es für wichtig, dass wir auf die richtige Art und Weise in alle relevanten Smarthome-Standards integriert sind. Mehr als 700 Lösungen zeigen, dass wir wahrscheinlich das am besten integrierte Smarthome-Produkt sind.


„Philips Hue war schon immer unter den Ersten, wenn es um Smarthome-Initiativen ging.“


Allerdings bedeutet das eine Menge Arbeit. Die richtigen Integrationen zu haben, die die richtigen Funktionen freischalten, bringt Aufwand mit sich. Und dieser Aufwand steigt mit jedem neuen System, das auf den Markt kommt. matter ist hier eine Chance für uns. Wir können uns an der Standardisierung beteiligen und so sicherstellen, dass alle für die Beleuchtungserfahrung wichtigen Aspekte gut in den Standard eingebettet sind. Sie müssen nicht nachträglich auf Dingen aufgebaut werden, die nicht ideal sind.

Können Sie uns ein Beispiel geben?

Yianni: Der offensichtlichste Fall sind Beleuchtungsszenen, bei denen die verschiedenen Smarthome-Standards unterschiedliche Ansätze verfolgen. Unsere Expertise besteht darin, ein reichhaltiges Erlebnis mit ausgefeilten Funktionen in unseren eigenen Apps zu schaffen. Wir hätten gerne, dass Szenen, die dort entstehen, auch allgemein für den Einsatz im Smarthome zur Verfügung stehen. Das wurde in langen Diskussionen mit Alexa und Google umgesetzt, hat es aber noch nicht in HomeKit geschafft.

Ein weiteres Beispiel ist die Möglichkeit, viele Lampen gleichzeitig zu steuern. Nicht alle Smarthome-Standards setzen das richtig um. Einige geben uns eine Abfolge von Befehlen, was nicht dasselbe Erlebnis bietet wie ein einziger Befehl, der alle Lampen gleichzeitig steuert. Dank unserer Beteiligung an der matter-Standardisierung können wir sicherstellen, dass so etwas richtig umgesetzt wird.

Außerdem bedeutet matter, dass wir weniger Integrationen pflegen müssen. Wenn sich der Standard mit der Zeit durchsetzt, wovon wir ausgehen, werden dadurch Kapazitäten frei für andere Dinge.

Wo verläuft künftig die Trennlinie zwischen matter und Ihrer eigenen Programmierschnittstelle (API)? Werde ich die Hue-App im Alltag noch benötigen?

Yianni: Wir werden weiterhin unsere eigene API neben matter verwenden. Unsere Apps werden die Hue-API nutzen, um einen größeren Funktionsumfang zu bieten. Wenn wir Neuerungen einführen, werden diese zuerst in der Hue-App erscheinen, da der Standardisierungsprozess Zeit benötigt. Und wenn es eine proprietäre Sache nur für Hue ist, werden wir nicht alle Details für matter offenlegen. Zum Beispiel: Es wäre für uns in Ordnung, wenn jedes matter-Gerät die Synchronisation mit Hue Enternainment starten und stoppen könnte. Aber es ist unwahrscheinlich, dass wir Hue Entertainment als unternehmenseigene Innovation den Leuchtmitteln anderer Hersteller überlassen.

matter dient als Smarthome-Integration für mehrere Produkte, die zusammenarbeiten sollen. Wenn es um eine Erfahrung geht, bei der Beleuchtung im Mittelpunkt steht, wollen wir aber, dass unsere API mit unserer eigenen App die besten und reichhaltigsten Funktionen bietet. Hier haben wir auch die volle Kontrolle, was bei matter nicht der Fall ist. Wir haben in den Standard die Möglichkeit aufgenommen, Gruppen und Szenen mit matter zu verbinden. Inwieweit die wichtigen matter-Apps aber auch tatsächlich den vollen Funktionsumfang des Standards umsetzen, bleibt abzuwarten.


„Wenn wir Innovationen bringen, werden diese zuerst in der Hue-App erscheinen. Und wenn es eine proprietäre Sache ist, werden wir nicht alle Details preisgeben.“


Ist es schwer, etwas in den Standard zu bekommen?

Yianni: Es gibt einen festgelegten Prozess mit Arbeitsgruppen. Man muss sich mit anderen Unternehmen zusammentun, macht Vorschläge, über die abgestimmt werden muss und so weiter. Es ist zwar möglich, herstellerspezifische Befehle zu implementieren, die diesen Prozess nicht durchlaufen, dann müssen Sie aber jemanden dazu bringen, diese Befehle auch zu nutzen. Mit anderen Worten: Sie benötigen eine App, die solche Befehle verwendet. Man könnte selbst eine matter-App programmieren, aber das ist nicht gerade das Ziel von matter. Wenn man will, dass jeder es unterstützt, muss es ein Teil des Standards werden.

Philips Hue verwendet Zigbee-Funk und matter wird über die Hue-Bridge integriert. Wäre Thread nicht eine Alternative? Das Thread-Protokoll ist Teil des Standards und ein drahtloses Thread-Netzwerk käme ohne Bridge aus.

Yianni: Die Hue-Bridge ist ja nicht einfach ein Übersetzer zwischen WLAN und Zigbee. Sie war war schon immer mehr. Sie enthält die lokale Intelligenz des Systems. Sie koordiniert, dass Ihre Schalter gut mit den Lampen zusammenarbeiten. Sie gewährleistet, dass das Netzwerk gut verwaltet wird. Enternainment-Streams, Cloud-Dienste, Automatisierungen, Zeitpläne … all das und mehr verwaltet die Bridge. So ein kleiner, zuverlässiger „Edge-Computer“ im Haus ist unerlässlich. matter bietet dafür keine Lösung an. Alle Funktionen direkt in die Lampen einzubauen, würde die Dinge viel komplizierter machen, und wir wollen sie nicht in die Cloud verlagern. Das heißt, selbst wenn wir Thread einsetzen würden, bräuchten wir immer noch eine Bridge.

Zweitens: Ein Mesh-Netzwerk mit Zigbee aufzuziehen, und zwar so, dass es effizient und zuverlässig funktioniert, ist wirklich schwierig. Wir haben ein Jahrzehnt daran gearbeitet. Und Thread hat sich in der Komplexität der Haushalte von Nutzern noch nicht bewährt. Ich mache mir ein wenig Sorgen darüber, wie offen Thread sein wird. Es wird viele, viele Unternehmen mit vielen verschiedenen Implementierungen im selben Netzwerk geben. Das ist ein Risiko und wir haben nicht vor, Thread-Lampen zu bauen. Ich sage nicht niemals, aber wir haben eine abwartende Haltung bei diesem Thema.

Nicht zuletzt: Es gibt eine sehr zufriedene und große Nutzerbasis. Ein wesentlicher Vorteil von Philips Hue ist, dass es zukunftssicher und immer auf dem neuesten Stand ist. Viele Menschen haben große Investitionen in ein Hue-System als Teil ihrer Haustechnik getätigt, nicht als Gadget. Und sie erwarten, dass diese Produkte für mindestens zehn Jahre relevant bleiben. Bislang haben wir die Verbraucher noch nie aufgefordert, neue Lampen zu kaufen.


„Bislang haben wir die Verbraucher noch nie aufgefordert, neue Lampen zu kaufen.“


Aber Sie haben einmal um den Wechsel der Hue-Bridge gebeten – von der ersten auf die zweite Generation. Das ist für matter nicht notwendig? Alle Anforderungen lassen sich mit der aktuellen Hardware erfüllen?

Yianni: Ja, ein Software-Update reicht aus. Wir planen, alle Hue-Bridges der zweiten Generation – die quadratischen – zu aktualisieren. Bis zurück zu den ersten Exemplaren vor sieben Jahren. Wir haben die Bridge schon bei der Entwicklung so dimensioniert, dass sie zukunftssicher ist. Da ist dann nicht die neueste und tollste Chip-Sicherheitshardware eingebaut, aber genug, um die Anforderungen von matter zu erfüllen.

Letztlich kommt es im Smarthome darauf an, dass die Produkte vor Angriffen von außen sicher sind. Unabhängig davon, welche Hardware Sie in Ihren Chips haben, wenn jemand physischen Zugang zu Ihrem Gerät hat und es öffnet, kann er fast jede Chipsicherheit aushebeln. Und wir sind definitiv robust gegen externe Bedrohungen.

Philips Hue-Bridge
Die Hue-Bridge bekommt ein kostenloses Software-Update für matter. ©matter-smarthome

Was sind die größten Herausforderungen bei der Umsetzung?

Yianni: Der Prozess ist komplizierter als eine normale Integration, weil es sich um Code handelt, den wir lokal auf der Bridge in einer eingebetteten Umgebung ausführen müssen. Eine Cloud-Integration wäre viel einfacher gewesen. Die besondere Komplexität von matter besteht allerdings darin, dass wir implementieren, während wir standardisieren. Es ist ein sehr dynamischer Prozess. Man baut, während die Dinge sich noch in Bewegung befinden.

Ändert matter etwas an der Art und Weise, wie Sie Philips Hue weiterentwickeln?

Yianni: Es wird die Art und Weise verändern, wie wir unser System mit denen von Partnern miteinander verbinden. Es ändert die Konversation. Wenn wir eine neue Lösung mit einer anderen Marke aufbauen wollen, die eine andere vertikale Ausrichtung hat, dann werden wir zuerst versuchen, die Dinge in Richtung matter voranzutreiben. Erst, wenn es im Standard nicht möglich ist, geht der Blick darüber hinaus. Wir können uns sogar mit Partnern zusammenschließen, um direkt in der matter-Allianz ein gewünschtes Ziel zu erreichen. Abgesehen davon wird sich nicht viel ändern. Wie wir neue Lampen bauen, wird von matter nicht wesentlich beeinflusst.

Was muss geschehen, damit der Standard ein Erfolg wird – abgesehen von einer breiten Palette an Geräten?

Yianni: Zu Beginn kommt es hauptsächlich darauf an, was die wichtigsten matter-Apps machen – die matter-Ökosysteme. Noch ist nicht ganz klar, wie das aussehen wird, aber es entscheidet, wie die Menschen matter erleben. Die Mehrheit der Leute wird matter gar nicht zu Gesicht bekommen, sie sieht weiterhin Alexa, Google, HomeKit. Unter der Oberfläche liegt der Standard und es hängt wirklich davon ab, was die Anwendungen damit machen, welchen Wert der Verbraucher daraus ziehen kann.

Herr Yianni, vielen Dank für dieses Gespräch.