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Interview

„Smarthome-Programmierung muss so einfach gehen wie bei einem Wecker“

Ein Interview mit Dr. Stefan Neuhaus, Head of Innovation and Advanced Development bei Insta GmbH. Das deutsche Unternehmen entwickelt und produziert seit 50 Jahren Gebäudetechnik für Industriekunden – und setzt künftig auch auf den neuen Smarthome-Standard matter.

The interview was conducted in German. Please click here for the English translation.

Insta kommt aus der klassischen Installationsbranche. Warum interessieren Sie sich für matter? Der Standard hat ja eher mit Produkten für Endkonsumenten zu tun?

Neuhaus: Das ist eine Frage, die wir auch intern viel diskutiert haben, weil sie die Positionierung der Firma betrifft. Seit mehr als 50 Jahren gibt es das Unternehmen, Insta kommt aus der Gebäudeelektronik und hat in den 1990er-Jahren mit KNX das Thema Gebäudeautomatisierung erschlossen. Wir entwickeln und produzieren für viele namhafte Unternehmen der Elektroinstallationsbranche. In diesem professionellen Bereich sind wir weiterhin aktiv, erfolgreich und im Grunde auch zufrieden …

Das hört sich nach einem kleinen „aber“ an …

Neuhaus: Nun ja, der große Smarthome-Durchbruch ist bislang ausgeblieben, obwohl die Vision mindestens seit den 1930er-Jahren existiert. Erste Konzepte von etwa Westinghouse in den USA gab es in den 50ern, funktionsfähige Systeme, die auf Powerline-Technik basierten, in den 70ern und 80ern. Spätestens seit 2000 ist jedes Jahrzehnt die Rede davon, dass sich Smarthome nun endlich durchsetzt. Dass es nicht passiert, ist für Unternehmen wie uns ziemlich schade.


„Es ist wichtig, die kurzen Produktzyklen am Consumer-Markt mit der Beständigkeit einer Gebäudeinstallation zu verbinden.“


Woran liegt es, dass Smarthome kein Thema für die breite Masse wird?

Neuhaus: Ein Grund dafür sind die nötigen Investitionen. Professionelle Gebäudetechnik kostet den Bauherrn oder Wohnungsinhaber Geld, das 20 oder 30 Jahre lang fest im Haus verbaut ist und sich dort amortisieren soll. Im Gegenzug gibt es starke Impulse aus dem Endkonsumenten-Markt. Denken Sie zum Beispiel an Musik im ganzen Haus mit WLAN-Lautsprechern. Oder Sprachsteuerung: Spätestens seit den 1980er-Jahren ist die Idee, das Zuhause per Sprache zu bedienen, ein fester Bestandteil der Smarthome-Vision.

Realität wurde sie aber erst mit den Smart-Speakern von Amazon, Apple & Co. Wir glauben, dass es wichtig ist, die kurzen Produktzyklen am Consumer-Markt – drei, fünf oder zehn Jahre – mit der Beständigkeit einer Gebäudeinstallation zu verbinden. Nur wenn es einen solchen Link zwischen diesen beiden Elementen gibt, kann Smarthome für alle zum Erfolg werden, auch weil der nötige Investitionsschutz gegeben ist.

Und matter kann diese Brücke schlagen?

Neuhaus: Wir glauben, dass matter eine Möglichkeit darstellt, hier dauerhaft einen Pflock einzuschlagen. In Deutschland und Europa wird ja üblicherweise noch klassisch während der Bauphase installiert – mit Lichtschaltern, Thermostaten, Rollladenantrieben und so weiter. Um diese Installationen fernzusteuern und zu vernetzen, gibt es eine Vielzahl von Systemen. Fachbetriebe, vom Elektriker bis zum Systemintegrator, nehmen sie in Betrieb. Aber das klassische Handwerk hat – unter anderem auch aufgrund der derzeit guten Auslastung – oft kein Interesse daran, die ganze Konfigurationsarbeit zu leisten. Betriebe müssten sich dafür mit hunderten Systemen auskennen, oder sie machen gleich KNX. Doch spätestens dann, wenn es um individuelle, maßgeschneiderte Programmierung geht, steigen viele aus. Hier bedarf es dann spezieller Systemintegratoren.

In einem matter-System übernimmt der Endkunde die Programmierung. Ist das die Lösung?

Neuhaus: Ich bin überzeugt, dass die Programmierung im Smarthome so einfach gehen muss wie das Einstellen der Weckfunktion am Smartphone. Nur dann hat der Mensch, der damit lebt, die Möglichkeit, das Zuhause an die Veränderungen in seinem Alltag anzupassen. Das Leben hört ja nicht auf, wenn die Elektroinstallation fertig ist. Die Herausforderungen für die Elektroinstallation fangen dann erst an und sie muss sich mit den Menschen verändern können. Aber fragen Sie mal, wie häufig KNX-Programmierungen nachträglich noch geändert werden.


Das Leben hört ja nicht auf, wenn die Elektroinstallation fertig ist. Die Herausforderungen fangen dann erst an.“


Tritt matter damit nicht in Konkurrenz zu etablierten Systemen?

Neuhaus: Nein, es wird sie weiterhin geben. Schon deshalb, weil matter ja nur die Basistechnologie definiert, nicht das Steuerungs- und Bediensystem darüber. Aber wenn ich mir vorstelle, der Mechanismus darunter – also das matter-Protokoll – wäre immer derselbe, dann könnte der Installateur schon sehr davon profitieren. Weil er sich nicht mit den jeweils spezifischen Eigenschaften und zahllosen Besonderheiten der einzelnen Systeme auseinandersetzen muss. Er könnte dank Standardisierung auch im Smarthome-Kontext auf eine Vielzahl von Lösungen unterschiedlicher Hersteller zurückgreifen. 

Zur Vision von matter zählt auch, dass Bewohner ihre eigenen Geräte mitbringen und sie mit der vorhandenen Installation verbinden. Wie realistisch ist so ein „Bring your own Device“-Szenario?

Neuhaus: In näherer Zukunft wird das nur eingeschränkt funktionieren. Bislang sind viele Funktionen im Standard gar nicht vorgesehen. Wenn Sie etwa die Rollläden automatisch herunterfahren wollen, um im Sommer die Klimaanlage zu entlasten, geht das nicht so einfach, weil es zum Beispiel bei Rollläden keine Zeitpläne gibt. In einer klassischen Gebäudeinstallation übernimmt der Elektriker oder Systemintegrator die Aufgabe so etwas einzurichten. Mir ist selbst noch nicht ganz klar, wo diese Intelligenz in matter herkommen wird. Denn machen wir uns nichts vor: Die großen Ökosysteme werden das Thema nur so weit vorantreiben, wie es für ihr jeweiliges Geschäftsmodell interessant ist.

Bietet das nicht Raum für neue und andere Steuerungssysteme, die auf matter basieren?

Neuhaus: matter bildet genau das Fundament, um so etwas zu realisieren. Die meisten Menschen haben ja heute schon eine Affinität zu bestimmten Ökosystemen, und sei es über das Betriebssystem auf ihrem Smartphone. Solange es um komfortable Sprachsteuerung geht, führt daran kaum ein Weg vorbei. Wenn ich allerdings auf Sprache verzichte, gibt es keinen Grund, warum wir nicht auch Systeme ohne Cloud und digitale Assistenten bekommen sollten.

Das Schöne an matter: Die Bereiche sind voneinander trennbar. Durch den Multi-Admin-Ansatz des Standards können mehrere matter-Netzwerke, die sogenannten „Fabrics“, parallel existieren und dabei auf gleiche Smarthome-Komponenten zugreifen. Beispielsweise könnte ein Dimmer aus einem eher professionellen System auch in einer Fabric von Google, Amazon & Co. eingebunden werden, um von dort aus die Sprachsteuerung zu nutzen. Wenn matter es dann noch schafft, mit Thread im 2,4 Gigahertz-Band die leidige Diskussion um Funkstandards zu beenden, könnten wir uns alle in der Branche auf wichtigere Dinge konzentrieren.

Insta stellt seit 50 Jahren Elektronikprodukte für die Gebäudetechnik her. Bild: Insta GmbH

Das heißt, die ersten matter-Produkte von Insta werden mit Thread-Funk sein?

Neuhaus: Ja, wir haben im Wesentlichen nur Thread-Produkte im Visier. Als Partner von Google im Early-Access-Programm arbeiten wir bereits daran. Was nicht bedeutet, dass es keine Produkte mit WiFi oder Ethernet-Anschluss geben kann. Als OEM-Hersteller und Lieferant für andere Unternehmen haben wir uns sehr früh der matter-Allianz angeschlossen. Unsere Hauptkompetenz liegt in der Entwicklung und Produktion von Sensoren und Aktoren für professionelle Gebäudesysteme und darauf möchten wir uns auch weiterhin fokussieren. Wir sprechen dabei mit größeren Kunden aus dem Gebäudetechnikmarkt über die Themen Licht, Rollläden, Heizung und Lüftung.


„Es herrscht Bewegung – und große Verunsicherung. “


Besteht denn bei etablierten Herstellern überhaupt Bereitschaft, die eigenen, proprietären Funkstandards über Bord zu werfen?

Neuhaus: Es herrscht Bewegung – und große Verunsicherung. Die Unternehmen haben teilweise zweistellige Millionenbeträge investiert und pflegen langjährige Beziehungen zum Handwerk. Mitunter lösen ihre Systeme sehr spezielle Anforderungen. Ich weiß aber auch, dass viele ins Grübeln kommen und für künftige Produktzyklen über matter nachdenken. Was nicht bedeutet, dass die Bestandssysteme von heute auf morgen obsolet werden. Es ist eher anzunehmen, dass die Firmen Gateways für ihre eigenen Funkprotokolle auf den Markt bringen und zukünftig auch native Thread-Produkte anbieten werden. Die Produktzyklen sind länger als im Endkonsumenten-Markt, deshalb erwarte ich den großen Umschwung erst in fünf bis zehn Jahren. Unser Job als Insta besteht auch darin, den Industriekunden bei der Orientierung und strategischen Planung zu helfen.

Gleichzeitig macht ein Standard wie matter Ihre Produkte austauschbarer. Wie wollen Sie sich gegen preisgünstigere Konkurrenten aus China behaupten?

Neuhaus: Diese Frage treibt uns täglich um, nicht erst seit matter. Im Zigbee-Bereich ist es ja heute schon so. Unser Aktor kostet eineinhalb bis zweimal so viel wie ein augenscheinlich vergleichbares Produkt aus Fernost. Als Insta bringen wir allerdings 50 Jahre Erfahrung und Applikationswissen aus der Gebäudeelektronik mit. Viele chinesische Hersteller pflegen ihre Geräte vielleicht fünf Jahre. Wir haben das Ziel, unsere Produkte zehn, fünfzehn oder noch mehr Jahre am Markt zu halten. Das ist keine leichte Aufgabe, wenn sich etwa Normen verändern oder es eine Verknappung von Bauteilen gibt, wie jetzt gerade. Auch Lieferketten für kritische Produkte sind ein Thema. Wir glauben an „Made in Germany“ und ein engmaschiges, beständiges Netzwerk von Lieferanten.


„Die Smarthome-Szene hat sich in der Vergangenheit oft blenden lassen von optimistischen Marktprognosen.“


matter als Motor für Nachhaltigkeit und langlebigere Produkte, das wäre doch was …

Neuhaus: Ich bin froh, wenn wir uns in Zukunft nicht mehr darüber differenzieren müssen, welche Vernetzungstechnologie wir einsetzen. Das hat unheimlich viel Verschwendung produziert, auch bei den Herstellern. Die Smarthome-Szene hat sich in der Vergangenheit oft blenden lassen von optimistischen Marktprognosen und einfach Produkte drauflos entwickelt, um an diesem Geschäft teilzuhaben. Vielleicht gibt es künftig nur noch KNX als System für professionelle Gebäudetechnik und matter als Lösung für Smarthomes, die aus dem Endkonsumenten-Markt heraus entstehen. Damit es so weit kommt, benötigen wir allerdings eine Elektroinstallation, die so flexibel ist, dass sie mit den Veränderungen am Markt schritthalten kann.

Herr Dr. Neuhaus, vielen Dank für dieses Gespräch.


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