Kategorien
Interview

„Matter ändert ziemlich die Spielregeln“

Ein Interview mit Florian Deleuil, Vize-Präsident des Produkt-Managements bei Netatmo, über den Smarthome-Standard matter. Was er für Hersteller bedeutet und wie sich Netatmo auf den wachsenden Wettbewerb vorbereitet.

This is a translation of an English conversation. For the original version, go this way.

Welche Folgen wird der kommende matter-Standard auf das Smarthome haben?

Deleuil: eine ganze Reihe. Heute hat jeder Hersteller seine eigene App. Es gibt eine App für Legrand, für Philips Hue, Nest, Ring und so weiter. Morgen werden wir eine neue Kategorie von Produkten sehen, matter-Produkte, die ihr eigenes Netzwerk aufbauen. Es ist autonom und benötigt keinen Zugang zum Internet. Nutzer werden in der Lage sein, neue Geräte über eine sogenannte „Commissioner“-App zum Netzwerk hinzuzufügen, egal von welchem Hersteller diese Produkte stammen. Solange sie mit dem Standard kompatibel sind, werden sie funktionieren. Das Netzwerk basiert auf Ethernet, Wi-Fi oder Thread. Und wenn es noch kein Thread-Netzwerk im Haushalt gibt, können Geräte wie der HomePod mini als Border Router dienen und die Thread-Produkte integrieren.

Aus Nutzersicht ziemlich vielversprechend …

Deleuil: Die Frage ist, was mit dem Fernzugriff passiert. Der Zugriff von unterwegs aus ist nicht Teil der matter-Spezifikationen. Apple, Amazon und Google werden ihre eigenen Clouds ins Spiel bringen, da ihre Gateways oder Hubs ohnehin mit dem Internet verbunden sind. Das Gleiche gilt für die intelligente Automatisierung, denn auch diese ist nicht Teil des Protokolls. Bislang bietet matter nur grundlegende Funktionen. So kann ein Gerät etwa ein anderes steuern, wenn sein Zustand sich ändert. Zeitpläne werden nur für Heizung oder Kühlung unterstützt, nicht aber für Licht und Rollläden. Daher sind für komplexe Auslöser oder intelligente Automatisierungen zusätzliche Steuerungssysteme nötig.

Klingt so, als könnten primär die großen US-Konzerne von der Sache profitieren. Haben Sie keine Angst, ins Hintertreffen zu geraten?

Deleuil: Nein, wir machen uns derzeit keine Sorgen, aber es ist nicht völlig ausgeschlossen, dass diese Zukunft eintreten wird. Warum wir keine Angst haben: Es ist schwierig, Apps zu entwickeln, die ganze Szenarien mit spezifischen Anwendungsfällen und allen Arten von Produkten abdecken. Wenn man zum Beispiel HomeKit betrachtet – was im Prinzip dasselbe ist wie matter, nur in einem Apple-Ökosystem –, dann hat diese Lösung es nicht geschafft, das Smarthome zu demokratisieren. Weil hauptsächlich aus einer US-amerikanischen Perspektive darauf geschaut wird. Als die Heizungsregelung in HomeKit eingeführt wurde, war es zunächst unmöglich, Zeitpläne zu erstellen. Aber Zeitpläne sind die wichtigste Funktion in Europa. Deshalb ist HomeKit bei Thermostaten in Europa nicht sehr erfolgreich gewesen. Und deshalb denke ich, dass auch matter nicht alle Erwartungen vom ersten Jahr an erfüllen wird. Es kann fünf bis zehn Jahre dauern, bis Amazon, Apple und andere wirklich zu den Hersteller-Apps aufgeschlossen haben. Das gibt uns Zeit.


„Es kann fünf bis zehn Jahre dauern, ehe Amazon, Apple und andere wirklich zu den Hersteller-Apps aufgeschlossen haben. Das gibt uns Zeit.“


Es ist also hauptsächlich eine Frage der Zeit?

Deleuil: nicht nur. Neben den standardisierten Bereichen in matter gibt es auch benutzerdefinierte Bereiche mit Funktionen, die vom Hersteller entwickelt und nur von dessen eigenem Ökosystem interpretiert und verstanden werden können. Solange die großen Plattformen uns keinen Platz in ihren Apps zur Verfügung stellen, um solche Mehrwerte für den Nutzer sichtbar zu machen, wird unsere App weiterhin gebraucht und wird überleben. Außerdem sind unsere Kunden ja nicht nur Endverbraucher, sondern auch Installateure. matter bietet bislang keine Werkzeuge für professionelle Anwender. Der Einbau eines vernetzten Dachfensters oder von smarten Unterputzdosen erfordert Know-how, das die übliche Home-App niemals beherrschen wird. Deshalb ist es sehr unwahrscheinlich, dass Google & Co. uns so schnell verdrängen werden.

Warum sollten die teilnehmenden Hersteller ein Interesse haben, möglichst viele Funktionen in den matter-Standard einzubringen?

Deleuil: Für einige Hersteller sind Apps und Clouds nicht Teil ihres Geschäftsmodells. Es braucht Fachwissen, Entwickler, Server und eine besondere Art von Unternehmen, um solche Dienste anzubieten. Software-Updates und Anpassungen an neue iOS- oder Android-Versionen waren für diese Firmen schon immer ein Alptraum. Mit matter können sie sich besser auf die Hardware konzentrieren. Für Netatmo und andere Unternehmen, die bereits über das Know-how verfügen, liegen die Dinge etwas anders. Wir müssen uns in Zukunft stärker auf den Mehrwert unserer Produkte konzentrieren. Und uns genau überlegen, welche Funktionen wir mit anderen teilen. Sonst könnte es für Kunden schwierig werden, unsere Produkte von denen eines billigeren und weniger innovativen Anbieters zu unterscheiden. Hinzu kommt: Innovative Features, die nur einem oder einigen wenigen Herstellern vorbehalten bleiben, können per Definition nicht Teil des Standards werden. Weil sie wahrscheinlich nicht die erforderliche Mindestanzahl an Unterstützern erreichen. Erst wenn das Feature einen gewissen Reifegrad erreicht hat und bei mehreren Herstellern zum Einsatz kommt, ist seine Zeit im Standard gekommen.


„Wir müssen uns stärker auf den Mehrwert unserer Produkte konzentrieren. Und uns genau überlegen, welche Funktionen wir mit anderen teilen.“


Aber geht der Vorteil zentraler Steuerung nicht verloren, wenn manche Funktionen nur über die Apps des Herstellers erreichbar sind?

Deleuil: Das kommt darauf an. Plattformanbieter wie Google und Amazon könnten zum Beispiel Widgets in ihre Home-Apps integrieren. Ähnlich, wie es sie heute schon im Android- und iOS-Betriebssystem gibt. Damit könnten wir und andere Hersteller exklusive Funktionen anbieten, ohne dass der Nutzer seine gewohnte matter-Umgebung verlassen muss. Wir würden das sehr gerne tun, weil es benutzerfreundlicher ist, eine einzige App zu haben als mehrere. Und wir Hersteller müssten keine Zeit mehr damit verbringen, unsere Anwendungen zu pflegen, sie an neue Betriebssystemversionen anzupassen und so weiter. Stattdessen könnten wir uns ganz auf den Mehrwert der Produkte konzentrieren.

Denken Sie, Ihr Unternehmen Netatmo und die Muttergesellschaft Legrand sind gut aufgestellt für die kommende matter-Ära?

Deleuil: Ja, in unserem eigenen Ökosystem mit Apps wie „Home + Control“ und „Home + Security“ haben wir fortschrittliche Funktionen wie eine erweiterte Zeitplanung und Szenarien. Wir heißen Partner wie Somfy in unseren Apps willkommen, um ein einheitliches Premium-Smarthome-Erlebnis zu schaffen. Das wird teilweise auch auf matter basieren. Denn in Bezug auf Kryptografie, Sicherheit und Zuverlässigkeit ist das ein sehr guter Standard. Legrand arbeitet am Standard mit, weil wir an diesen Ansatz glauben. Die Frage ist nicht so sehr, ob matter sich durchsetzt, sondern für welches Ökosystem sich die Nutzer entscheiden. Vielleicht wollen einige kein Amazon-Home oder Google-Home. Sie möchten lieber ein unabhängiges Zuhause, das nicht mit diesen Unternehmen verbunden ist. Ich denke, mit Home + Control gibt es eine Gruppe von Herstellern, denen der Schutz von Privatsphäre wichtig ist. Das Gute an matter: Wir können beides tun – mit den großen Plattformen kompatibel sein und gleichzeitig unser eigenes Smarthome-Ökosystem weiterentwickeln.


„Die Frage ist nicht so sehr, ob matter sich durchsetzt, sondern für welches Ökosystem sich die Nutzer entscheiden“


Also wird es in nicht allzu ferner Zukunft matter-Produkte von Netatmo geben?

Deleuil: Sicher. Ohne zu viel zu verraten: Alle Initiativen für ein neues Smarthome-Protokoll beginnen mit Glühbirnen und Thermostaten. Diese Produktkategorien gibt es auch schon in matter. Andere Produkte aus unserem Angebot, wie Kameras oder Wettersensoren, werden wahrscheinlich zum Start nicht unterstützt. Ihre Definition folgt erst später. Und bei Thermostaten etwa gibt es noch Fragen zu klären. Derzeit haben wir unser eigenes Gateway, das mit den Reglern kommuniziert. Wir könnten dieses Gateway mit matter kompatibel machen. Oder wir könnten Thermostate anbieten, die Thread als Funkstandard verwenden. Die Reichweite von Thread ist jedoch geringer als unser eigenes Funkprotokoll. Die Nutzer müssten also zu Hause bereits ein gut ausgebautes Thread-Netzwerk haben. In fünf Jahren wird das kein Problem mehr sein. Aber wir wollen keinen Thermostat auf den Markt bringen, bevor das notwendige Netz so weit ist. Das würde ein Fehlschlag. Ich kann heute noch nicht verraten, welche Produkte wir planen, aber sie werden um den Start matter herum erscheinen.

Monsieur Deleuil, vielen Dank für dieses Interview.


Diesen Beitrag teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

drei × drei =