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Interview

„Die Geschäftsmodelle ändern sich nicht, nur weil es matter gibt“

Ein Interview mit Arasch Honarbacht, Geschäftsführer der Ubisys Technologies GmbH. Das deutsche Smart-Home-Unternehmen zählt zu den aktivsten Unterstützern und Mitentwicklern des Zigbee-Standards und will dieses Engagement auch im matter-Zeitalter fortsetzen. Honarbacht erklärt, warum.

The interview was conducted in German. Please click here for the English translation.

Ubisys als Unternehmen ist eher Branchen-Insidern ein Begriff. Warum ist die Marke in der Öffentlichkeit noch wenig bekannt?

Arasch Honarbacht: Das liegt daran, dass wir sehr stark auf der technischen Seite unterwegs sind. Man nimmt uns an vielen Stellen gar nicht wahr, weil wir unsere Technologie etwa an große Unternehmen lizenzieren, die sie dann unter eigenem Namen in den Handel bringen.

Worin besteht diese Technologie?

Honarbacht: Wir waren in den letzten zehn Jahren maßgeblich an der Weiterentwicklung von Zigbee beteiligt und wurden 2018 dafür auch als „Outstanding Contributor“ ausgezeichnet. Ebenso sind wir Impulsgeber für spannende Features, die bald auf den Markt kommen werden, wie Zigbee Direct und die nächste Version des Zigbee-Stacks R23. Vielleicht haben Sie unser Logo in der Apple WWDC 2022 Keynote gesehen: Wir werden als eines der ersten Unternehmen eine matter/Zigbee-Bridge anbieten – zum offiziellen Start des Standards.


„Wir werden als eines der ersten Unternehmen eine matter/Zigbee-Bridge anbieten – zum offiziellen Start des Standards.“


Handelt es sich dabei um Ihr bestehende Gateway G1 oder um ein neues Produkt?

Honarbacht: Es wird ein Firmware-Update für das Gateway G1 geben. Danach haben unsere Kunden die volle matter-Funktionalität. Schon jetzt gibt es einen Alexa-Skill und Unterstützung für Apple HomeKit, aber ich denke, langfristig wird Matter diese Einzelintegrationen ablösen. Sie werden höchstens noch benötigt, um Bestandsinstallationen am Laufen zu halten. Darüber hinaus lizenzieren wir die Bridge ja auch an andere Hersteller, die sie in ihre Hubs integrieren.

Warum Zigbee? Mit Version 3.0 des Standards ist die Kompatibilität zwar besser geworden, aber es gibt immer noch Hersteller, die ihr eigenes Süppchen kochen.

Honarbacht: Da stimme ich Ihnen zu. Deshalb haben wir auch viel Energie in die Standardisierung von Zigbee 3.0 investiert, mit dem Ziel, die Wände zwischen diesen „Walled Gardens“ einzureißen. Letztlich ist es aber nicht an der Technologie gescheitert, sondern an den Geschäftsmodellen. Es werden den Kunden Einschränkungen auferlegt, um die eigenen Produkte und kostspieligen Entwicklungen zu schützen. Das ist aus Herstellersicht verständlich, für Endverbraucher jedoch eine Qual. Deshalb haben wir einen anderen Ansatz auf unserem Gateway. Wir sperren keine Fremdprodukte aus, was technisch durchaus anspruchsvoll ist. Wir versuchen, Funktionalitäten zu unterstützen, unabhängig vom Hersteller.

Und das gilt dann künftig auch für matter?

Honarbacht: Genau, eine Situation wie heute mit manchen Zigbee-Bridges, die nur ausgewählte Lampen an Apple HomeKit weiterreichen, wird es bei uns nicht geben. Was am Ubisys-Gateway funktioniert, erscheint auch in matter – sofern die jeweilige Produktkategorie im matter-Standard existiert.


„Zigbee-Bridges, die nur ausgewählte Lampen an Apple HomeKit weiterreichen, wird es bei uns nicht geben.“


Wirken Sie ebenso aktiv an der Entwicklung von Matter mit wie an Zigbee?

Honarbacht: Wir geben natürlich Input, sind aber keine treibende Kraft in der Entwicklung. Das hat mehrere Gründe. Zum einen besteht ein Teil unseres Geschäftsmodells darin, Zigbee-Softwarelösungen an Chiphersteller zu lizenzieren. Ein ähnliches Business ist bei matter nicht gegeben, weil der Standard Open Source, also frei verfügbar ist. Er hat auch viel mit Thread zu tun, einem Protokoll das ursprünglich als Zigbee-Killer gestartet ist. Da steckt Potenzial drin, allerdings finden wir, dass Thread noch nicht so weit ist.

Wo hat das Thread-Protokoll noch Nachholbedarf?

Honarbacht: Unter anderem bei der Energieeffizienz. Thread benötigt mehr Energie zum Austausch der gleichen Nutzdaten als Zigbee und mit matter kommt noch weiterer Overhead hinzu. Es genügt nicht mehr, ein Telegramm zu senden, sondern es müssen Sessions ausgehandelt werden – die Verschlüsselung fordert ihren Tribut. Deshalb ist der Energieverbrauch von matter-Produkten mit Thread vier bis fünf Mal höher als beim klassischen Zigbee. Wenn wir die Green-Power-Variante nehmen, die etwa batterielose Taster verwenden, wird der Unterschied noch größer. Es muss sich erst noch zeigen, ob solche Produkte mit Thread realisierbar sind.

Allerdings hatte Zigbee in der Vergangenheit auch mit Sicherheitslücken zu kämpfen. Kann der Standard mit den Schutzmechanismen von Matter überhaupt mithalten?

Honarbacht: Zigbee hat einen Toolbox-Ansatz und war schon immer sehr skalierbar. Man kann es sehr einfach umsetzen, aber auch mit einem hohen Sicherheitsstandard, der matter entspricht. In Großbritannien werden über Zigbee Smart Energy zum Beispiel Zählerstände abgerechnet, von Ende zu Ende verschlüsselt. Zigbee Light Link ist das andere Extrem. Da lässt sich über die TouchLink-Funktion quasi im Vorbeigehen eine Lampe resetten. Das nächste Zigbee-Release, das Ende 2022 oder 2023 kommt, wird diese Problematik aber ohnehin beseitigen – durch neue, moderne Verschlüsselungsalgorithmen. Zigbee ist weit davon entfernt, tot zu sein.


„Zigbee ist weit davon entfernt, tot zu sein.“


Lassen sich vorhandene Zigbee-Produkte auf diese nächste Generation updaten?

Honarbacht: Das kommt auf die Hardware an. Ältere Chips haben in der Regel maximal 512 Kilobyte Programmspeicher. Da müssen die Entwickler heute schon jonglieren, um zusätzlichen Code unterzubringen. Zumal ja ein Teil des Speichers benötigt wird, um das Software-Update vor der Installation herunterzuladen. Viele Bestandsgeräte kommen dafür nicht infrage. Aber in alle unsere eigenen Modelle, inklusive der ersten Generation, haben wir bereits letztes Jahr eine Datenkompression eingebaut, die sicherstellt, dass sie vollwertige Zigbee-Firmware der nächsten Generation erhalten können.

Außerdem ist das Ganze rückwärtskompatibel. Ich kann die alten Produkte zusammen mit neuen verwenden. Hier liegt auch ein großer Vorteil der Lösung mit Bridge: Es kann einen allmählichen Übergang geben. Manche Unternehmen haben 800 Zigbee-Produkte im Sortiment. Selbst wenn die wollten, können sie nicht von heute auf morgen umsteigen.

Wäre mit genug Speicher auch ein nachträglicher Umstieg auf Thread möglich?

Honarbacht: Ja, wir sind gerade dabei, alle Produkte zu redesignen. Die Hardware kann dann künftig Zigbee oder Matter über Thread machen. Oder auch beides zusammen, falls nötig. Aktuell würde ich sagen, dass Zigbee sich bestens bewährt hat, was die Integrität des Netzwerks angeht, auch mit sehr vielen Geräten verschiedener Hersteller. Wir sehen deshalb eine lange Übergangszeit. Manche Produkte in unserem Sortiment pflegen wir seit zehn Jahren. Solche Zeiträume sind in der Gebäudetechnik keine Seltenheit. Und Matter ist ein begrüßenswerter Schritt, aber kein Allheilmittel. Dass es bislang so viele Einschränkungen in Smarthome-Systemen gab, dass nicht jedes Gerät überall funktionierte, hatte ja wie gesagt nichts mit dem Funkstandard zu tun. Das lag an unternehmerischen Entscheidungen. Und die Geschäftsmodelle ändern sich nicht automatisch, nur weil es Matter gibt.

Herr Honarbacht, vielen Dank für dieses Gespräch.


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