Die neuen, preisgünstigen Smarthome-Produkte von Ikea sind so etwas wie der Lackmustest für den Matter-Standard. Noch nie wurden auf einen Schlag so viele Geräte mit dem Funkprotokoll Thread verkauft. Und mehr Menschen als je zuvor kamen darüber mit dem Thema in Kontakt. Ein Feldversuch in großem Umfang – mit offenbar gemischten Ergebnissen.
Denn während der Testaufbau von matter-smarthome mit einem Dutzend Ikea-Produkten nahezu reibungslos funktioniert, klagen User im Online-Forum auf Reddit über Verbindungsprobleme (link). Sie scheitern teilweise schon an der Einrichtung. Kollegen von „The Verge“ teilen diese Beobachtungen: Jennifer Pattison Tuohy, die zu den erfahrensten Matter-Berichterstattern auf dem Planeten gehört, konnte von sechs Neuerwerbungen nur eine in Betrieb nehmen (link).

Ihr gegenüber hat David Granath von Ikea bestätigt, dass es Komplikationen gibt: „Wir sind uns bewusst, dass einige Kunden bei der Einrichtung ihrer Geräte in bestimmten Heimumgebungen Verbindungsprobleme haben, und wir nehmen dies sehr ernst“, so der Bereichsleiter Beleuchtung & Home Electronics zu „The Verge“.
Im Interview mit matter-smarthome ein halbes Jahr zuvor klang Granath noch zuversichtlich: „Sowohl Thread als auch Matter sind als Technologien an einem Punkt angelangt, an dem wir das Gefühl haben, das richtige Maß an Qualität, Preis und Zuverlässigkeit erreichen zu können, das wir benötigen.“ War der Start also verfrüht? Ist Thread als Funkprotokoll für den Hausgebrauch doch noch nicht ausgereift?
Ein Start mit Hindernissen
Dass Matter over Thread kein Selbstläufer werden würde, stellte sich früh heraus. Vom ersten Tag an sorgte das Funkprotokoll für Irritationen. Es frustrierte Konsumenten, die noch nichts von der Technologie gehört hatten, sich aber plötzlich mit technischen Voraussetzungen wie dem Border Router konfrontiert sahen.
Hersteller entwickelten erste Produkte unter Laborbedingungen, um anschließend in freier Wildbahn festzustellen, dass die Standardisierung nicht weit genug ging. Und die Plattformen betrachteten Matter vor allem als Vehikel, um ihre eigenen Ökosysteme zu vergrößern. Was passiert, wenn Border-Router verschiedener Anbieter im Haushalt aufeinandertreffen, hatten sie nicht bedacht.
„Das ist noch nicht der gewünschte Zustand“, räumte Stefan Bauer-Schwan, Entwicklungschef von Eve Systems, nur wenige Monate nach dem Start von Matter im Sommer 2023 ein. Hersteller wie Nanoleaf und Netatmo nahmen Abstand von Thread, das Nachsitzen begann. Sowohl die Thread-Group, verantwortlich für das Funkprotokoll, als auch die Connectivity Standards Alliance (CSA) auf Matter-Seite schärften ihre Spezifikationen nach. Mit Thread 1.4 (2024) und Matter 1.4 (2025) wurden die Grundlagen für einen reibungsloseren Betrieb geschaffen.

Die Maßnahmen zeigen Wirkung
Erste Anbieter haben mit der Umsetzung dieser Spezifikationen begonnen. So nutzen die Matter-Ökosysteme von Ikea und SmartThings inzwischen Thread-Version 1.4. Home Assistant testet sie seit Kurzem in der Beta-Version seiner Open Thread Border Router App (früher Add-on gennant). Mehr zur aktuellen Situation steht im Beitrag „Der Matter-Standard 2026 – eine Bestandsaufnahme“. Bis alle Plattformen nachgezogen haben, dürften aber noch Monate vergehen. Und ob die Probleme damit behoben sind, muss sich erst zeigen.
Leider gewährt Matter seinen Nutzern wenig Einblick, woran eine Verbindung scheitert, wenn sie scheitert. Im Standard ist zwar ein „Thread Network Diagnostics Cluster“ definiert, der Informationen liefern könnte. Betroffene Produkte könnten damit Daten bereitstellen, etwa zum Funkkanal des Netzwerks, der Rolle des Gerätes (Router, Endgerät), seinen unmittelbaren Nachbarn im Mesh und der Weiterleitung von Funksignalen (Routing).
Die Anwendung steckt aber noch in den Kinderschuhen. Keines der großen Matter-Ökosysteme setzt die Funktion transparent ein. Immerhin: Beta-Tester des aktuellen Home Assistant Matter-Servers (v 8.2.2) können sich eine Karte ihres Thread-Netzwerks am Bildschirm anzeigen lassen. Die Kollegen von matteralpha.com erklären in einem Beitrag, wie sie aktiviert wird (link).

Matter ist noch nicht am Ziel
Ohne Information, wo die Verbindungsprobleme entstehen, fällt es Anwendern und Support-Mitarbeitern schwer, die Fehlerquelle zu identifizieren. Liegt sie im Gerät selbst, an einer schwachen Funkverbindung vor Ort, in der Software des Ökosystems oder schlicht an einem Bedienungsfehler? Ikea versucht mit einer FAQ-Sammlung die wichtigsten Punkte abzuhaken (link). Auch Tipps für ein stabiles Thread-Netzwerk können helfen. So viel Troubleshooting wird dem Anspruch an Matter, das „out of the box“ funktionieren soll, aber nicht gerecht.
Woran es im konkreten Fall auch liegen mag: Die Negativschlagzeilen vermitteln den Eindruck, dass Matter over Thread nicht zuverlässig funktioniert. Selbst wenn ein Großteil der verkauften Ikea-Produkte reibungslos arbeiten sollte (wie bei uns), fällt die Kritik am Rest auf den Standard zurück. Das kann den Herstellern in der Connectivity Standards Alliance nicht egal sein. Sie sollten die beschlossenen Verbesserungen möglichst schnell umsetzen, damit Thread nicht zur Achillesferse von Matter wird.
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